Kirche öffnet nach 33 Jahren : Wunder von Gadow

<fettakgl>Der Leiter des Orgelmuseums</fettakgl>, Friedrich Drese, baut  in der Dorfkirche von Gadow die Orgel aus dem Jahr 1856 wieder auf.<foto>dpa</foto>
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Der Leiter des Orgelmuseums, Friedrich Drese, baut in der Dorfkirche von Gadow die Orgel aus dem Jahr 1856 wieder auf.dpa

In MV und Brandenburg wurden seit 1990 Hunderte Kirchen vor dem Verfall gerettet. Als Glücksfall gilt die Kirche von Gadow am Ex-Truppenübungsplatz bei Wittstock. Engagierte aus beiden Ländern halfen bei der Sanierung.

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24. Januar 2013, 07:28 Uhr

Gadow/Malchow | Das Wunder von Gadow in Nordbrandenburg steht mitten im Dorf - es ist die große Kirche. Nach 33 Jahren Schließung öffnet das denkmalgeschützte Bauwerk am Sonntag mit einem Festgottesdienst wieder seine Pforten. "Die Leute wollten ihre Kirche wieder und es hat geklappt", freut sich Renate Schüler. Die engagierte Frau ist alte Gadowerin, Vorsitzende des Fördervereins und Dreh- und Angelpunkt der Kirchenretter. "Allerdings haben wirklich alle im Dorf geholfen und das ist das Wichtigste", erklärt die bescheidene Frau. Dazu gehört auch die Rückkehr der vor elf Jahren ausgelagerten alten Orgel, die im Mecklenburgischen Orgelmuseum Malchow (Kreis Mecklenburgische Seenplatte) "Asyl" fand und saniert wurde.

Rund 250 000 Euro wurden seit dem Jahr 2000 für die Kirche gesammelt, die künftig auch die kulturelle Mitte des Dorfes am Rande des ehemaligen Truppenübungsplatzes in der Kyritz-Ruppiner Heide sein soll. In Brandenburg waren 1995 nach Angaben des Sprechers der Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz, Volker Jastrzembski, noch 800 von 1600 Kirchen stark gefährdet. Durch engagierte Bürger wurden inzwischen 600 der verfallenen Kirchen gerettet. So wird die Kirche in Zeestow (Havelland) derzeit zur Autobahnkirche saniert, in Müncheberg (Kreis Märkisch-Oderland) zog eine Bibliothek in die Stadtkirche mit ein. "Trotzdem ist Gadow eine besondere Geschichte", sagt Jastrzembski.

Das kann Friedrich Drese als Leiter des Malchower Orgelmuseums nur bestätigen. Vorsichtig schiebt er erneuerte Zinnpfeifen ins Holz. "Das ist mit 331 Pfeifen eines der ältesten, erhaltenen Instrumente des Wittstocker Orgelbauers Friedrich Herrmann Lütkemüller (1815-1897)", weiß der Fachmann. Drese freut sich, dass die Orgel künftig auch außerhalb von Gottesdiensten bei Lesungen, Ausstellungen oder Konzerten erklingen soll. "Eine Orgel muss genutzt werden und Kirchen müssten sich generell viel mehr nach außen öffnen, ein Kulturraum für den ganzen Ort werden", findet Drese.

Die besondere Historie Gadows ist auch in seiner Lage in der Kyritz-Ruppiner Heide begründet. Als im 19. Jahrhundert eine große Glashütte entstand, wuchs die Bevölkerung, so dass 1862 ein neues Gotteshaus gebaut wurde. Nach 1945 nutzte die Rote Armee die Heide, Panzer und Tiefflieger übten jahrzehntelang das Schießen. Durch die kirchenfeindliche Politik der DDR ging die Zahl der Gläubigen stark zurück, auch das Gotteshaus verfiel mangels Geld und Material. "Wir waren nicht mehr viele", erinnert sich Schüler. Im Jahr 2000 sollte eine Protestwanderung gegen die Weiternutzung des Truppenübungsplatzes durch die Bundeswehr in der Kirche beginnen, in der die Fenster kaputt waren. "Wir machten sauber, aber es kam ein Sturm und schnell war alles wieder voller Sand." Da wurde für neue Fenster im Altarraum gesammelt. Das war der Beginn des Bürgerengagements für ihre Kirche. Neben Bund und Land stellte unter anderem Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD), der selbst gegen das Bombodrom protestierte, 12 000 Euro aus Lottomitteln für den Rückkauf und Wiederaufbau der Orgel zur Verfügung.

Neben Konzerten planen Kirchgemeinde und Dörfler auch Theateraufführungen, Lichtbildervorträge und andere Aktivitäten im Gotteshaus. "Sachen, die mit dem Dorf zusammenpassen sollen", gibt Schüler die Meinung ihres 38 Mitstreiter starken Vereins wieder. Zum "Wunder von Gadow" habe auch das Aus für den Tiefflugübungsplatz beigetragen. "Jetzt haben wir von oben Ruhe", spielt Schüler auf den befürchteten Fluglärm an. Nur die Straßen, die das kleine Dorf früher mit Rheinsberg, Neuruppin und Berlin verbanden, müssten noch geöffnet werden. Sie führen durch munitionsbelastete Gebiete.

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