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Ungewöhnliches Projekt startet in Neustrelitz : Wollschweine als Therapie für Gefangene

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Arbeit mit Tieren kann die Rückfallquoten von Straftätern senken - das haben Studien gezeigt. In Neustrelitz begann ein ungewöhnliches Projekt: Häftlinge züchten eine vom Aussterben bedrohte Schweinerasse.

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erstellt am 25.Jul.2013 | 07:47 Uhr

Neustrelitz | "Na, du willst ja erst noch ein Großer werden", ruft Mecklenburg-Vorpommerns Justizministerin Uta-Maria Kuder. Die CDU-Politikerin hat gerade einen Blick in die Buchte von Eber "Ernie" geworfen - der neuen Attraktion im einzigen Jugendgefängnis des Landes. "Ernie" ist ein männliches Wollschwein, knapp ein halbes Jahr alt, hat dunkles Fell und wiegt etwa 25 Kilogramm. "Mit seiner Hilfe wollen wir eine Wollschweinzucht aufbauen, die Rasse gilt als vom Aussterben gefährdet", erklärt Sozialarbeiter Steffen Bischof. Kuder startete am Donnerstag in Neustrelitz das neue Projekt, von dem sich die Justiz mehr Erfolge bei der Resozialisierung junger Gefangener verspricht.

Die moderne Hafteinrichtung mit derzeit rund 180 Insassen verfügt schon über viel Erfahrung. Seit zehn Jahren werden junge Häftlinge mit Hilfe von Tier- und Sportprojekten auf ihre Rückkehr in die Gesellschaft vorbereitet. "Wir haben insgesamt rund 110 Tiere, die Hälfte davon Kaninchen", sagt Bischof. Auch Hunde, Schafe, Ziegen, Pferde und andere Schweinerassen werden gehalten, teils für den Eigenbedarf an Fleisch. Die Schafe werden zudem als "Rasenmäher" um Wachzaun und -mauer herum benutzt.

Felix aus Altentreptow (Kreis Mecklenburgische Seenplatte) kümmert sich begeistert um "Ernie" und "Wolli", das weibliche Wollschwein. Die etwa 50 Kilogramm schwere "Wolli" lebt noch in einer anderen Buchte. "Wir bauen gerade ein Gehege, wo sie später beide leben und auch Nachwuchs haben sollen", sagt der 23-Jährige. Der junge Mann hat jahrelang in Hotels und Pensionen geschlafen, ohne zu bezahlen. "Ich habe drei Jahre Haft bekommen, aber das soll nicht wieder passieren." Ein Jahr und zwei Monate dauert seine Strafe noch. "Wenn ich rauskomme, will ich auch was mit Tieren machen", sagt Felix.

Das ist aber kein Regelfall, meint Anstaltsleiter Bernd Eggert. Meist seien es Häftlinge, die mit anderen Insassen Probleme oder ein großes Aggressionspotenzial haben, die zuerst mit den Tieren in Berührung kommen. Manche Gefangene mit einer schwierigen familiären Vorgeschichte entwickeln erste festere Bindungen leichter zu Tieren, als zu ihren Mitmenschen, sagen Experten. Wollschweine gelten als besonders robust, zutraulich und gutmütig.

"Wenn wir den Häftlingen Chancen bieten, werden viele sie auch nutzen", ist Ministerin Kuder überzeugt. Das werde nicht bei allen gelingen, aber man sei für jeden Einzelnen dankbar. Eine Erhebung in Baden-Württemberg habe gezeigt: Bei der Verbüßung einer Strafe liege die Rückfallquote bei 80 Prozent, erklärt Eggert. Bei Jugendlichen, die einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen oder den Schul- oder einen Berufsabschluss machen, liege sie bei 30 Prozent.

Während "Ernie" inzwischen aus der Wasserschale schlürft, verrät Sozialarbeiter Bischof schon weitere Pläne. "Ich würde mit den Häftlingen gern noch mehr Landwirtschaft umsetzen: Rinder halten, Heu und Kartoffeln anbauen." Genügend Grundstücksfläche wäre außerhalb der Anstalt vorhanden. Ihr Ministerium würde das unterstützen, sichert die Ressortchefin zu.

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