Interview : Wolfgang Thierse: „Eine offene Welt ist auch ein bisschen zugig“

Wolfgang Thierse (SPD)
Wolfgang Thierse (SPD)

Der SPD-Politiker Wolfgang Thierse über die Deutsche Einheit, den Einigungsvertrag und die SPD

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16. Oktober 2019, 20:00 Uhr

„Der Prozess der deutschen Einheit ist nicht das Aufeinanderzugehen zweier demokratischer Staaten und Systeme, sondern die Angleichung des einen gescheiterten Staates an den anderen erfolgreichen Staat“, sagte der SPD-Politiker Wolfgang Thierse in seiner Rede zum Einigungsvertrag, den die Volkskammer der DDR am 20. September annahm. Max-Stefan Koslik traf den ehemaligen Bundestagspräsidenten in Rostock.


Herr Thierse, Sie haben am 19. September 1990 eine historische Rede zum Einigungsvertrag gehalten, was ist von Ihren Worten eingetreten, was hätten Sie sich anders gewünscht?
Thierse: Ich habe damals u.a. gesagt: Wir treten nicht dem Paradies bei, aber auch nicht der Hölle. Und: Vor uns liegen Jahre harter Arbeit und heftiger politischer Auseinandersetzungen. Viele Ostdeutsche wollten das nicht glauben. Sie wollten glauben, dass sie unter das rettende Dach der Bundesrepublik kommen und ganz schnell den gleichen Wohlstand haben und blühende Landschaften. Wer so heftig glaubt und wem so viel versprochen wird, der wird immer wieder enttäuscht. Ich verstehe das. Aber dennoch hätte man mit nüchternem Blick sehen können, es kann gar nicht so schnell gehen. Deswegen bitte ich meine Landsleute, seht, was wir tatsächlich erreicht haben. Es ist noch nicht alles. Aber es ist viel. Ich wünsche mir eine positive Selbstwahrnehmung. Das ist besser als immer nur zu schimpfen...

Seit 40 Jahren wohnen Sie am Kollwitzplatz in Berlin. Wenn Sie heute aus ihrem Fenster auf den Platz blicken, ist Berlin, ist Deutschland zusammengewachsen?
Ich wohne noch da, ringsum sind aber inzwischen ganz andere Menschen. Berlin ist eine ganz andere Stadt geworden. Eine sehr bunte und gemischte Stadt. Ost- und Westdeutsche wohnen nicht mehr getrennt. Viele Ausländer sind hinzugekommen. Wir sind nicht mehr unter uns. Aber das ist doch gut. Wir haben doch die Mauer nicht eingedrückt, damit wir unter uns bleiben - eingesperrt und geschützt vor der Welt. Aber eine offene Welt ist auch ein bisschen zugig. Das erzeugt auch Unsicherheiten und Ängste. Aber das darf kein Anlass sein sich zurückzusehnen nach dem wohligen Ort hinter der Mauer eingesperrt.

Wenn Sie heute auf die SPD blicken und auf den Zuspruch für die Linkspartei - auch unter Oskar Lafontaine – könnte man da auf den Gedanken kommen, dass auch die SPD ein Opfer der Einheit ist?
Nein. Die demokratischen Parteien, die Volksparteien haben ja in vielen Ländern Europas große Schwierigkeiten. Das betrübt mich. Aber man kann nicht sagen, dass die SPD Opfer der deutschen Einheit geworden ist. Natürlich hat die deutsche Einheit auch zur Veränderung der politischen Konstellation geführt. Aber insgesamt leben wir in einer globalisierten Welt radikaler Veränderungen, die natürlich auch die politische Landschaft verändern. Die traditionelle soziale Basis der SPD ist erodiert. Wir müssen sehen, wie wir neue Bündnisse schmieden können. Das gilt für alle größeren Parteien. Gewählt werden derzeit Parteien, die ein Thema haben, die eine starke Emotion bedienen. Das muss aber nicht so bleiben.

Haben Sie Hoffnung für die SPD? Bleibt nur das Zusammengehen mit der Linken?
Darüber zu reden ist im Moment akademisch. Aber ich habe Hoffnung für die SPD. Es geht nicht um eine neue Systemutopie. Es geht um die konkrete Verbesserung für die Menschen, um soziale Sicherheit und um ein neues Konzept für Solidarität in einer Gesellschaft, die individualisierter geworden ist. Die große Herausforderung für die SPD sind neue Begründungen von Solidarität und neue Konzepte politischer Solidarität.

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