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DDR-Handball : Wolfgang Böhme: „Ich war, bin und bleibe Ossi“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wie die DDR den Rostocker Ausnahme-Handballer kaltstellte. Heute wird er 65 und lebt als Erstliga-Trainer in der Schweiz

30. Juli 1980. Bei den Olympischen Spielen in Moskau bejubeln die Handballspieler der DDR-Nationalmannschaft ihren hart umkämpften Sieg (23:22) über den Gastgeber. Zur selben Zeit in der HO-Gaststätte „Szczecin“ in Rostock: Während der Großteil der Gäste den Gewinn der Goldmedaille feiert, sitzt Wolfgang Böhme still beim Bierchen am Tresen und weint. „Das war ein richtiger Sturzbach. Ich war in dem wohl bis dahin schwärzesten Moment meines Lebens so richtig down“, erzählt der ehemalige Linkshänder des SC Empor Rostock.

Moskau sollte für den damals 30-Jährigen der Höhepunkt seiner Laufbahn werden. Doch es kam anders. Drei Monate vor Olympia wurde Böhme zur Unperson erklärt. Nach 192 Länderspielen mit 538 Toren für die DDR, Teilnahme an den Olympischen Spielen 1972 in München, Platz zwei und drei bei den Weltmeisterschaften 1974 und 1978 sowie zwei nationalen Meistertiteln mit seinem Rostocker Heimatverein musste der wohl weltbeste Rechtsaußen unfreiwillig seine leistungssportliche Laufbahn beenden. „Disziplinarische Gründe“ wurden für den Rausschmiss aus National- und Clubteam angegeben.

„Den genauen Grund kenne ich bis heute nicht. Ich habe aus meiner Stasi-Akte exakt 512 Seiten kopiert, kenne einige Pappenheimer, die über mich berichteten. Es sind aber auch einige Dinge geschwärzt, Seiten fehlen – vielleicht wäre ich dadurch schlauer geworden“, berichtet Böhme. Er hat eine Vermutung, wie es zu seinem Rausschmiss gekommen sein könnte. 90 Tage vor Olympia hatte er zwei Briefe geschrieben. Einen an seine Frau zwecks Scheidung, den anderen an seine neue Freundin, sich von ihrem Noch-Partner zu trennen. „Da hatte ich als Druckmittel angefügt, sonst das nächste Mal in Dänemark bleiben zu wollen. Dieser Brief muss durch die Sicherungsorgane geöffnet worden sein“, so Böhme, der derzeit in der Schweiz einen Verein der 1. Liga trainiert und heute seinen 65. Geburtstag begeht.

Der Jubilar gesteht ein, früher einiges eher locker genommen zu haben. Beispiel Handball-WM 1978 in Dänemark: Punktgleich hinter der BRD, beide Vertretungen hatten sich 14:14 getrennt, wurde das Finale durch die Mannschaft von Trainer Paul Tiedemann nur aufgrund des schlechteren Torverhältnisses nicht erreicht. Am Abend klopfte es an der Hoteltür von BRD-Spielführer Heiner Brand und Kurt Klühspies. Böhme stand beim „Klassenfeind“ im Türrahmen, bat um Einlass. Das Trio trank Bier. Die Gespräche drehten sich um das Finale BRD-UdSSR. Beim Rostocker, der an der DHfK Leipzig neben seiner aktiven Laufbahn das Trainer-Diplom abgelegt hatte, kam der Coach in spe durch: „Mit Dosen habe ich die Angriffszüge des Kontrahenten erläutert, Hinweise zum Deckungs- und eigenen Angriffsverhalten gegeben“, erinnert sich der gebürtige Heringsdorfer. Brand und Klühspies waren gelehrig. Die BRD gewann die WM mit 20:19, die DDR sicherte sich mit einem 19:15 über Gastgeber Dänemark nur Bronze.

Oder Europapokal der Landesmeister 1978/79: Empor verlor 10:14 gegen den unterfränkischen TV Großwallstadt im ersten Finalspiel vor 10  000 Zuschauern in München. Am Rande des Aufeinandertreffens vermaß Freund Klühspies die Rostocker. Zum Rückspiel wurden vom TV Großwallstadt dann neue Jeans mitgebracht. Auf dem Parkett wurde dennoch alles gegeben. 18:15 gewann der SC Empor. Kein Dankeschön für die Jeans.

Dafür reichte der Stasi das durch Informanten bekannt gewordene nicht linientreue Verhalten des auch vom THW Kiel umworbenen Ausnahmeakteurs, um Böhm aus dem SC Empor zu werfen und somit auch aus der Nationalsieben. Fortan spielte in der DDR-Sportwelt Böhme keine Rolle mehr. Sein Name wurde einfach ausradiert. Er ging zurück in seinen Heimatort Heringsdorf, verhalf der dortigen BSG Einheit zum Aufstieg in die zweithöchste Spielklasse. Und trotz Angeboten aus Kiel und von anderen Vereinen sei eine Republikflucht für ihn nie ein Thema gewesen. „Ich fürchtete die Repressalien für meine Familie, für meinen Zwillingsbruder Matthias und den älteren, in Diensten der Volksmarine stehenden Hans-Werner“, berichtet Böhme.

Seine Karriere war dennoch beendet. Als Japan den Rostocker 1982 als Nationaltrainer verpflichten wollte, sagten die DDR-Oberen schlicht: „Nö“. Böhme zog Konsequenzen: Inzwischen mit der Berliner Leichtathletin Karin Güttler verheiratet, das Paar hat eine heute 18-jährige Tochter, stellte er 1986 einen Ausreiseantrag. Dieser wurde im Juni 1989 genehmigt. „Wenn ich das mit der Wende geahnt hätte, wäre ich nie und nimmer rüber. Ich war, bin und bleibe Ossi“, sagt Böhme.

Klaus Langhoff, als Spieler und später Coach so etwas wie ein Mentor für Böhme, gibt zu Protokoll: „Wolfgang hatte es im Westen sehr schwer, landete in Minden, leitete dort mit einem Partner ein Fitness-Studio, half bei den Grün-Weißen auch als Trainer, war auch Lehrer für schwer erziehbare Kinder.“ So richtig warm wurde der Mann von der Ostseeküste
im Westen Deutschlands aber nicht. Das nicht bei GWD Minden, TV Hille oder von 2000-2002 bei den HF Springe.

2004 zog es Böhme in die Schweiz. „Mir wurde in Basel eine Tätigkeit als Sportlehrer ermöglicht. Aus Dankbarkeit trainierte ich die Jugend des RTV Basel kostenlos“, berichtet Böhme.

Den Kontakt zu früheren Mitspielern hat er aber nie abreißen lassen. „Ich verfolge den Weg der Rostocker aus der Ferne doch hautnah – einmal Empor, immer Empor", so Böhme.

2016 werden die Zelte in der Schweiz abgebrochen, da Tochter Paulin ihr Matura, macht. Berlin soll die neue Heimat der Böhmes werden. „Dann fahre ich des Öfteren gen Rostock, um mir in der Stadthalle Partien des HCE anzusehen“, blickt er voraus.
 

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