Mehrgenerationenhaus Schwerin : Wohnen ohne Anonymität

Anja Finkaus und Sohn Jan haben mit ihrer Familie das ideale  Zuhause gefunden. Fotos: dörte rahming
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Anja Finkaus und Sohn Jan haben mit ihrer Familie das ideale Zuhause gefunden. Fotos: dörte rahming

In Schwerins erstes Mehrgenerationenhaus ist Leben eingekehrt

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07. Januar 2016, 12:00 Uhr

Das Kaminholz kommt um zwei. Wer Zeit hat, hilft beim Stapeln – egal, ob in seiner Wohnung überhaupt ein Kamin steht. Miteinander statt nebeneinander wohnen – das wollen die Bewohner der ehemaligen Medizinischen Fachschule in der Hospitalstraße in Schwerin. Der Altbau von 1840 wurde komplett saniert und um einen völlig neuen Teil ergänzt. Seit die Idee für dieses Wohnprojekt vor mehreren Jahren entstand, kamen immer wieder Interessenten hinzu, manche sprangen wieder ab, neue tauchten auf. Etliche der notwendigen Arbeiten haben die heutigen Bewohner gemeinsam an Wochenenden erledigt, sind dabei zusammengewachsen und haben das Objekt zu etwas Eigenem gemacht.

Nun sind 13 Familien eingezogen, Menschen vom Kleinkind bis zum 85-Jährigen. Jede Wohnung ist individuell geschnitten und nach den Wünschen der Bewohner ausgestattet. Es sind fast alles Eigentumswohnungen, nur eine ist vermietet, in einer anderen geben zwei der Mitbewohnerinnen Yoga-Kurse, und an den Wochenenden können alle die Räume als Gästezimmer mieten.

Manchmal begegnet den Bewohnern Skepsis, ob so ein Modell denn tatsächlich funktionieren könne. „Wenn man sich in eine Eigentumswohnung kauft, kennt man normalerweise seine Nachbarn nicht“, sagt Architektin Kerstin Döring, die das Projekt betreut hat und nun auch selbst hier wohnt. „Wir wussten von vornherein, ob wir uns riechen können, das hat sich ja in diesem Prozess vorher gezeigt. Insofern haben wir eine gute Chance, dass wir uns über eine längere Zeit gut vertragen.“ Natürlich gab es schon kleinere Probleme, aber damit gehe die Gruppe erstaunlich überlegt und zielorientiert um, meint Döring. „Wir treffen uns einmal im Monat und packen alles auf den Tisch, was aktuell zu diskutieren ist.“ Auch der Plan, sich bei Bedarf gegenseitig zu helfen, geht auf – nicht nur beim Stapeln von Kaminholz. Wer etwas Schweres zu transportieren hat, bittet einen der jüngeren Männer um Hilfe. Manch einer kennt sich mit Technik aus, andere mit Kuchenbacken. Bei alldem zählt niemand, wie oft oder wie lange er sich beteiligt hat. „Das gleicht sich von allein aus“, meint Döring.

Im Neubau wohnen junge Familien mit insgesamt zwölf Kindern, auch Anja Finkaus und Gerald Hross mit Jan und Henriette. „Schon als wir zur ersten Versammlung gingen, um uns über dieses Projekt zu informieren, fühlte es sich richtig an“, erzählt Finkaus. „Und so ist es auch geworden – genau das, was wir uns immer gewünscht haben, denn hier wohnt man nicht anonym nebeneinander.“

Schon in der Vorbereitung sei alles rundgelaufen. „Auch bei den großen Fragen, wer welche Wohnung bekommt oder was das alles kosten wird, waren es gemeinschaftliche Abstimmungen.“ Inzwischen haben sich auch die Kinder kennengelernt. Die Eltern müssen sich keine Gedanken machen: Bei irgendwem im Haus spielt der Nachwuchs zusammen und ist gut aufgehoben. Der Rasen hinter dem Haus wird im Sommer zum Spielplatz für die jüngeren und zum Garten für die älteren Bewohner. Ein Nebengebäude soll bald zum Gemeinschaftsraum ausgebaut werden.

Deutschlandweit gibt es bereits seit Jahren solche Projekte, in Schwerin ist dies das erste. Aber es gibt viele Menschen, die sich ein Leben in so einer Wohngemeinschaft vorstellen können. Deshalb hat Dörings Architekturbüro schon ein weiteres Grundstück gleich um die Ecke gekauft, um dort das nächste Generationen-Wohnhaus zu gestalten. Auf der Liste stehen schon mehr als zehn Interessenten.

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