Schwerin : Wohn-Denkmal wird herausgeputzt

 Die historischen Lampen aus den frühen 60er-Jahren  wurden gereinigt und kommen jetzt wieder in die Flure. Petra Tolksdorf und Guido Müller mögen die schweren Glasschirme. Die alten Briefkastenanlagen werden allerdings weichen. Reinhard Klawitter
Die historischen Lampen aus den frühen 60er-Jahren wurden gereinigt und kommen jetzt wieder in die Flure. Petra Tolksdorf und Guido Müller mögen die schweren Glasschirme. Die alten Briefkastenanlagen werden allerdings weichen. Reinhard Klawitter

Das Hochhaus in der Werner-Seelenbinder-Straße ist ein besonderes Gebäude: Es war Schwerins erstes Hochhaus. Seit April lässt die Wohnungsgesellschaft Schwerin das Prachtexemplar sanieren - für 3,5 Millionen Euro.

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09. November 2012, 10:51 Uhr

Weststadt | Das Hochhaus in der Werner-Seelenbinder-Straße vis-a-vis der Sport- und Kongresshalle ist in vielerlei Hinsicht ein besonderes Gebäude: Es war Schwerins erstes Hochhaus, auf seinem Dach thront eine futuristisch anmutende Strömungsplatte, seine 78 Wohnungen waren in den vergangenen 50 Jahren immer gut vermietet und es steht unter Denkmalschutz. Seit April lässt die Wohnungsgesellschaft Schwerin das Prachtexemplar sanieren - für 3,5 Millionen Euro. Ein Abenteuer, ebenfalls in vielerlei Hinsicht: Einige Mieter blieben während des Umbaus im Haus. Mit der Denkmalpflege mussten viele Absprachen und Kompromisse getroffen werden. In den Stahlbetondecken konnten einige Leitungen aus statischen Gründen nur über Putz im Kabelkanal verlegt werden. Kleine Hürden, die pragmatisch genommen wurden. Aus dem Konzept brachte die Fachleute nur der neue Fahrstuhl, beziehungsweise dessen Statik. Und genau der Aufzug ist auch schuld daran, dass die große Sanierungsmaßnahme nicht wie geplant komplett zum 17. Dezember fertig wird, sondern erst Anfang nächsten Jahres. Trotzdem: Die ersten Mieter sind bereits in dieser Woche eingezogen - und fühlen sich wohl.

Noch ist der Zehngeschosser komplett verhüllt. Nur wer auf die Balkone gelangt, kann sehen, in welcher Farbe das Hochhaus demnächst erstrahlt: historisch korrekt in Blaugrau mit weiß abgesetzten Ringankern. Auch innen wird zum großen Teil wieder originalgetreu gestrichen - die Denkmalpfleger machten hinter mehreren Schichten Putz und Farbe schließlich ein dunkles Grün und ein dunkles Rot als Ursprungsfarbe an den lichtdurchfluteten Treppenaufgängen aus. Die Flure selbst bleiben beige. Insgesamt 68 grundsanierte Wohnungen vermietet die WGS in der Seelenbinderstraße, zumeist 1- oder 2-Raum-Wohnungen und wenige 3-Raum-Wohnungen. Fast alle der leergezogenen Wohnungen sind schon vergeben, die meisten an Neukunden, wie WGS-Geschäftsführer Guido Müller stolz betont. "Mehr als 20 Mieter sind während der Sanierung aber in ihren Wohnungen geblieben", berichtet Projektleiterin Petra Tolksdorf. "Wir sind hier zu einer richtigen Gemeinschaft zusammengewachsen." Während bei den Verbliebenen Küche und Bad erneuert wurden, durften sie die Sanitäreinrichtungen in den Nebenwohnungen nutzen. Den übrigen Mietern wurden Ausweichquartiere angeboten, viele bleiben dort.

"Wir haben mehr als 3000 Quadratmeter Wohnfläche barrierearm und seniorenfreundlich saniert", sagt Tolksdorf. Heizung, Elektro, Belüftung und Fenster wurden komplett erneuert, das Haus von außen wärmeisoliert. Eine Notreppe wird den Südgiebel schmücken, aus Brandschutzgründen gibt es auch zum Treppenhaus hin ein Glas-Wandelement auf jeder Etage. Von den Balkonen wichen die Asbestplatten, die Verkleidung ist jetzt aus Wellblech.

Der historische Fahrstuhl, der nur auf jedem zweiten Zwischenpodest anhielt, konnte wegen der Seniorenfreundlichkeit nicht erhalten werden - obwohl er in der Bauzeit immer noch wacker seinen Dienst tut. Außen ließ der Denkmalschutz keinen Fahrstuhl zu. Mitten im Haus wird deshalb ein neuer Schacht hergestellt. Dafür müssen Stahlbetondecken herausgeschnitten werden, insgesamt zehn Wohnungen fallen diesem Projekt zum Opfer. Um den gemauerten Fahrstuhlschacht sicher zu halten, mussten laut Statiker vier 15 Meter lange Gründungspfähle in den Boden gebohrt werden. Schwierig genug, das Bohrgerät ins Haus zu bekommen - ein Stück des nebenliegenden Kellers musste dafür geöffnet werden. Schlimmer allerdings war, dass die Pfahlbohrer auf undurchdringliche Bodenschichten stießen. Nach mehreren Versuchen ist die schwierige Gründung erst jetzt gelungen: mit einem Pfahl auf zwölf, zwei auf zehn, einem auf neun und einem auf acht Metern. Nun reißen die Bauarbeiter die Decken für den Schacht ein.

Abgerissen wurde übrigens auch auf dem Dach: 67 Tonnen Beton verschwanden von der Strömungsplatte. Die garantierte den nötigen Abfluss des Regenwassers. Das besorgt demnächst eine wesentlich leichtere Gefälle-Dämmung. Das ungewöhnliche Dach mit dem freien Geschoss bleibt erhalten - aus Denkmalschutzgründen. Nur zwei Jahre diente es seinem ursprünglichen Zweck für die Verwirbelung der Rauchgase der Braunkohleheizung. Dann bekam das Hochhaus Fernwärme, erzählt Petra Tolksdorf. Damit wird die Seelenbinder-Straße auch nach der Sanierung noch geheizt.

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