Bürgerdialog in Rostock : Wohin mit Europa?

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Bürgerdialog im Rostocker Rathaus über die Zukunft der EU

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27. September 2017, 05:00 Uhr

Europa, wir müssen reden! Unter diesem Motto lädt morgen die Europa-Union Deutschland zum Bürgerdialog im Rostocker Rathaus. Chefredakteur Michael Seidel sprach im Vorfeld mit Jürgen Lippold, dem Vorsitzenden der Europa-Union Mecklenburg-Vorpommern.

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Herr Lippold, was treibt Sie zum Engagement für die Europäische Union?
Jürgen Lippold: Es gäbe viele Gründe, aber zwei will ich hier hervorheben. Erstens: in der Wendezeit auf der Suche nach neuen Orientierungsmöglichkeiten ergaben sich zufällig Kontakte zu Mitgliedern der Europa-Union aus Hamburg und Schleswig-Holstein. Die Europa-Union als überparteiliche Bürgerbewegung, die sich für ein föderales Europa auf demokratischer und rechtsstaatlicher Grundlage einsetzt, bot mir die Möglichkeit der politischen Betätigung ohne Mitglied einer Partei sein zu müssen. Und heute ist es zweitens die Einsicht und Überzeugung, dass die einzelnen Nationalstaaten in Europa – Deutschland eingeschlossen – im Prozess der Globalisierung und sich herausbildender neuer Machtzentren weltpolitisch nur noch eine äußerst geringe Bedeutung hätten. Die Vereinigung der europäischen Länder in der EU ist die einzige Chance, wirtschaftlich und politisch das Weltgeschehen mit zu beeinflussen.

„Normal“ sind Sie freiberuflicher Dozent und Trainer. Wie finden Sie die Zeit, sich für Europa zu engagieren?
Nun, ich war Lehrer und Dozent, bin heute im Ruhestand. Doch mit den vermeintlich größeren zeitlichen Freiräumen ist das so eine Sache: man muss seine Zeit, den Tag, die Woche schon strukturieren, zumal ich auch noch einige Stunden an der Volkshochschule unterrichte, um die Aufgaben im Verein zu bewältigen. Da kommen ganz schnell 12 bis 15 Wochenstunden, manchmal auch mehr zusammen.

Seit der Finanz- und erst recht seit der Flüchtlingskrise erfordert die Verbreitung der europäischen Idee beinahe Mut. Wie hat sich Ihre Arbeit verändert?
Besonderer Mut ist, so glaube ich, nicht erforderlich, wohl aber eine Überzeugung, dass der Weg der europäischen Integration alternativlos ist. Wenn von Mut die Rede ist, dann höchstens in der Hinsicht, dass man sich auch traut, die Dinge anzusprechen, die in Europa nicht richtig oder noch nicht funktionieren. Hier versuchen wir über Beschlüsse unseres Bundeskongresses und die Abgeordnetengruppen der Europa-Union im Deutschen Bundestag und im Europäischen Parlament politischen Einfluss zu nehmen. Und manchmal erreichen wir auch unsere Ziele. Natürlich haben die Finanz- und die Flüchtlingskrise, vor allem aber das Aufkommen populistischer und nationalistischer Strömungen und Parteien in der Mehrzahl der Mitgliedstaaten der EU für eine Veränderung der Schwerpunkte unserer politisch-bildnerischen Tätigkeit geführt.

In der Vergangenheit trafen sich bei Veranstaltungen die ohnehin von der Europäischen Idee Überzeugten. Wie erreichen Sie die Europa-Skeptischen?
Wenn man nur die Europa-Union-Mitglieder betrachtet, ist das sicher so. Aber fast alle unsere Veranstaltungen sind öffentlich, und da melden sich auch immer wieder Teilnehmer zu Wort, die Fragen haben und deren Bild von der EU durch die überwiegend negative Berichterstattung in den Medien geprägt ist. Oft werden wir auch eingeladen von anderen Bildungseinrichtungen, um über Europa zu sprechen und zu diskutieren und dort treffen wir durchaus auch auf Europaskeptiker und manchmal sogar auf prinzipielle Ablehnung. Und auch die Reihe der von der Europa-Union veranstalteten Bürgerdialoge zu Wert und Zukunft der EU ist ein geeignetes Format, um neben EU-Befürwortern und Bürgern, die sich um Europa sorgen auch mit Skeptikern ins Gespräch zu kommen.

Die deutschen Zeitungen haben gerade den Bürgerpreis des BDZV an die in Frankfurt gegründete private Initiative „Pulse of Europe“ vergeben. Was bedeutet eine solche Initiative für Sie als langjährig aktiven Verein?
Wir haben die Aktionen von „Pulse of Europe“ von Anbeginn unterstützt, vor allem, weil hier Europa nicht nur in Seminaren, Vorträgen und Bildungsreisen, sondern auf der Straße erlebbar war – eine sinnvolle Ergänzung zu dem Angebot der Europa-Union für die Bürgerinnen und Bürger in unserem Bundesland.
 

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