zur Navigation springen
Mecklenburg-Vorpommern

23. November 2017 | 16:02 Uhr

Modellbau : Wo Träume vom Stapel laufen

vom

Kreatives Chaos nennt man das, was den Besucher bei Ullrich Taubert erwartet: Flache und bunte Kartons aller Größen, in deckenhohen Regalen oder auf der Erde, schwankende Säulen bildend. Jeder Quadratzentimeter ist bedeckt.

svz.de von
erstellt am 05.Mär.2012 | 12:08 Uhr

Bünde | Kreatives Chaos nennt man das wohl, was den Besucher bei Ullrich Taubert erwartet: Flache und bunte Kartons aller Größen, in deckenhohen Regalen oder auf der Erde, schwankende Säulen bildend.

Jeder Quadratzentimeter ist bedeckt mit Autos, halbfertigen Bausätzen, Papierstapeln. Von der Decke hängen, wie es sich für richtige Modellbauer gehört, an dünnen Nylonfäden Flugzeuge, die mit einer feinen Staubschicht bedeckt sind. Irgendwo dazwischen sitzt Taubert, Chef-Entwickler des Modellbau-Marktführers Revell.

Ein Jahr von der Idee bis zum Verkaufsstart

Die eher unscheinbare Zentrale des Unternehmens im ostwestfälischen Bünde wirkt von außen nicht gerade wie die Pforte zum Wunderland der Träume. Im kleinen Foyer stehen aber dann die ersten Vorboten in Glasvitrinen, Neuheiten und Klassiker, vom Dreimaster bis zum ferngelenkten Hubschrauber - alle in handlicher Größe. Erst ein paar Türen weiter werden alle Erwartungen erfüllt, wenn nämlich Taubert sein Büro öffnet.

Hier entwickeln eine Handvoll Leute die Ideen für die Modelle der nächsten und übernächsten Saison, diesmal rund 200. "Über die Auswahl entscheiden Geschäftsleitung, Marketing, Vertrieb und die Finanzabteilung", sagt der 60-Jährige. Am Ende bleiben um die 30 Projekte übrig. Von der Idee bis zum Verkaufsstart vergeht dann noch ein Jahr. "Das Schwierigste sind meist die Genehmigungen und Lizenzen." Bis zu zwei Millionen Euro Lizenzgebühren zahlt der Modellbauer im Jahr.

Steht der Vertrag, stellt der Hersteller Konstruktionspläne zur Verfügung. "Und dann holen wir uns nach Möglichkeit das Original", sagt Taubert und seine Augen fangen an zu glänzen. Denn was eben noch ein ferner Traum war, steht dann nicht selten plötzlich auf dem Hof in Bünde. Und da ein Riesendampfer wie die Queen Mary oder der Airbus A380 nie nach Bünde kommen, muss Taubert eben zu den Originalen.

"Schwierig war die Suche nach einem Ferrari 250 GTO", erinnert sich Taubert. Davon wurden weniger als 40 Stück gebaut. Einen davon besitzt Nick Mason, Schlagzeuger der Band "Pink Floyd". Mit an die 20 Millionen Euro sei es der teuerste gehandelte Oldtimer der Welt. Und tatsächlich half Auto-Narr Mason aus und ließ seinen Wagen von allen Seiten fotografieren. Aus den Unterlagen wird beim Revell-Partner in China das Modell. Die eigentliche Herstellung erfolgt in Polen.

Zielgruppe sind vor allem Erwachsene

Eigentlich ist Taubert Groß- und Außenhandelskaufmann, doch schon unmittelbar nach der Ausbildung bei Revell entwickelte er nebenbei sein erstes Modell. Es hätte ihn fast das Leben gekostet: "Es war eine BMW R 75/5", erinnert er sich. Das Original-Motorrad, das er für das Modell fotografiert, kauft er sich. Kurz darauf überlebt er nur mit viel Glück einen schweren Unfall.

"Unsere Zielgruppe sind vor allem die Erwachsenen", sagt Taubert, aber er weiß, dass die möglichst schon als Jugendliche mit dem Modellbau-Virus infiziert werden sollten. "Die Jugend hat sich verändert, mit den Spielekonsolen und dem ganzen Quatsch." Darum fördert Revell Jugendabteilungen in Modellbauclubs.

Außerdem versucht das Unternehmen mit der Aktion "Modellbau macht Schule" an die jungen Leute heranzukommen. Bundesweit 85 Schulen, vor allem offene Ganztagsschulen, machen mit. "Darunter sind nicht nur Jungs", sagt Taubert. "Bis sie 12, 13 Jahre alt sind, sind Mädchen sogar die besseren Modellbauer, aber dann ändern sich deren Interessen, leider."

"Modellbau wird es immer geben", sagt Taubert dennoch. "Es ist der Wunsch, einen Traum zu besitzen, wenn auch nur im Maßstab 1:24." In naher Zukunft sollte den statischen Modellen mehr Leben eingehaucht werden. Mittelfristig werde der Verbraucher Modelle am Computer entwerfen, die ein spezieller Drucker dann dreidimensional "ausdruckt". Taubert selbst will noch möglichst lange mitmischen. Es gebe so viele Themen wie Trecker oder Bagger, die im Revell-Katalog noch kaum vorkämen.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen