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Rostocker Universitätsmedizin : Wo Retter retten lernen

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Mit einer Windmaschine, 50 lebensechten Puppen, Original-Gerätschaften und jeder Menge Empathie werden in der RoSaNa alle erdenklichen Notfälle nachgestellt

svz.de von
erstellt am 26.Mai.2015 | 11:30 Uhr

„Hallo?“ Dr. Gernot Rücker kniet neben dem Patienten, beugt sich ganz weit herunter um zu spüren, ob er überhaupt noch atmet. Sacht rüttelt er an seiner Schulter. „Machen Sie es nicht so, wie es in Filmen gezeigt wird und klatschen Sie einem vermeintlich Bewusstlosen rechts und links auf die Wange“, warnt der Mediziner. „Das provoziert eine Abwehrbewegung – und die kann bis zu einem gebrochenen Nasenbein führen.“

Die Zuhörer schmunzeln – und registrieren es. Bereits kurz darauf müssen sie selbst demonstrieren, was sie bisher im Kurs über Wiederbelebungsmaßnahmen gelernt haben. Die Übungspuppen schlagen zwar nicht aus, die eingebaute Technik registriert aber ganz genau, ob der Ersthelfer tatsächlich kräftig genug und dazu auch noch im Takt eines im Hintergrund schlagenden Metronoms die Herzdruckmassage durchführt.

Für die 16 nautischen Offiziere, die diesmal an der RoSaNa, der Simulationsanlage und dem Notfallausbildungszentrum an der Rostocker Universitätsmedizin, im Auftrag des Warnemünder Instituts für Sicherheitstechnik/Schiffssicherheit geschult werden, ist das grundsätzlich nichts Neues. „Schon im Studium haben wir auch notfalllmedizinische Grundlagen behandelt“, erzählt Anika Albrecht, die einzige Frau im Durchgang. Dennoch: „Der einwöchige notfallmedizinische Kurs ist für Nautiker alle fünf Jahre wieder Pflicht“, erklärt RoSaNa-Leiter Dr. Rücker. Denn alle fünf Jahre kämen neue Wiederbelebungsrichtlinien heraus.

Geübt wird in Zweierteams: „,Chef‘ ist immer der am besten Ausgebildete – also der, der schon die meisten Kurse besucht hat“, macht Rücker so ganz nebenbei noch einmal Werbung in eigener Sache. Denn der „Chef“ hat neben der Kontrolle der Vitalfunktionen „nur“ die Aufgabe zu beatmen. Der zweite Helfer dagegen ist für die Herzdruckmassage zuständig – ein kräftezehrender Job. Nach jeweils zwei Minuten sollte er deshalb ausgetauscht werden.

Mario Gehrke und Frank Jacobi, die bei Aida Cruises arbeiten, sind als erstes Team an der Reihe. „Das Pumpen kostet ordentlich Kraft“, meint Jacobi, der zurzeit auf der „Aidacara “ fährt. Zum Glück würden auf den Aida-Schiffen im Ernstfall schon nach kürzester Zeit die Bordärzte die Versorgung übernehmen – sich vorzustellen, bis zu eine Stunde lang selbst immer wieder um das Leben eines Menschen kämpfen zu müssen, falle schwer.

Karsten Leppin, der mit Anika Albrecht ein Team bildet, müsste in einem Notfall dagegen durchhalten, bis der Patient wieder von allein atmet – oder bis von Land aus ein Rettungshubschrauber eintrifft. Der 26-Jährige ist Erster Offizier bei German Tanker. Für die 17-köpfige Besatzung gebe es keinen Arzt an Bord, erzählt er. Sich notfallmedizinisch auf dem Laufenden zu halten, sei deshalb eine lebenswichtige Angelegenheit. „Wobei die Übungen hier auf dem Trockenen das Eine sind“ – auf einem schlüpfrigen Deck bei Sturm sehe das ganz anders aus. Deshalb würde auch dort regelmäßig geübt – „man kann auch einen Müllsack als Dummy beatmen…“

In der RoSaNa gibt es mehr als 50 verschiedene Dummys – vom Neugeborenen bis zum Senior – , an denen alle möglichen Krankheitsbilder simuliert und ihre Behandlung geübt werden kann. Eine der lebensechten Puppen reagiert auf Medikamentengaben und antwortet sogar mit menschlicher Stimme. An anderen können Geburten trainiert werden – sogar von Zwillingen. „An Sophie wird Sonographie geübt, an Lulu Lungenfunktionstests, Cornelius ist der weltweit modernste Trainer für Herzfunktions-Untersuchungen… Bei uns haben alle Puppen Namen“, erklärt Rücker. Das erhöhe die Empathie. „Und wir wollen einfach, dass auch Übungen so realitätsnah wie möglich sind.“

Dem RoSaNa-Team steht dafür ein riesiges Materiallager zur Verfügung. Dort liegen Arme und Beine neben Därmen und Mägen. Beatmungsgeräte und Infusionsständer türmen sich in den Kellerräumen ebenso wie Rollatoren und Rollstühle, Endoskopiegeräte und Defibrillatoren. Es scheint kein medizinisches Gerät, kein Hilfsmittel zu geben, das es dort nicht gibt. Und mehr noch: Aus einem Pappkarton lugt der Kopf einer präparierten Kobra. In einem weiteren findet man Skorpione und allerlei anderes giftiges Getier. „Wir sind die einzige Uniklinik, die sich solche Präparate aus der Asservatenkammer des Zolls am Frankfurter Flughafen ausleihen darf“, erzählt Rücker stolz. Auch eine Wind- und eine Soundmaschine sowie ausgeklügelte Kameratechnik gehören zu seinen Schätzen. Mit ihnen werden beispielsweise Wetterkatastrophen oder Massenunfälle simuliert.

„Wir leben hier in einer Art Neokommunismus“, meint Rücker schmunzelnd: „Wir schaffen Material an, das jeder nutzen darf, der es braucht.“ Nachfragen kämen in erster Linie aus dem eigenen Haus, aber auch von Kliniken aus dem Umland und manchmal sogar vom anderen Ende Deutschlands. Im Gegenzug würde beispielsweise die Krankenhausapotheke Medikamente und Verbandsmittel mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum für die Notfallausbildung zur Verfügung stellen. Das wiederum helfe, die Ausbildung tatsächlich realitätsnah zu gestalten.

Mehr als 400 Kurse bietet das RoSaNa, das in diesem Jahr sein zehnjähriges Bestehen feiert, jährlich an. Die rund 4000 Teilnehmer sind Studenten, Ärzte und Pflegekräfte aus dem eigenen Haus, viele kommen aber, wie die Nautiker, auch aus anderen Einrichtungen. Seit März bildet RoSaNa zudem in Neubrandenburg gemeinsam mit einem privaten Bildungsträger Notfallsanitäter für die Bundeswehr aus.

Angesichts dieses Pensums ist es kaum zu glauben, dass das RoSaNa-Team, das in der Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie angesiedelt ist, überwiegend aus Teilzeitkräften besteht. „Unsere Stammbesatzung sind gerade einmal sieben Mann“, erklärt Rücker. Wie er selbst hätten selbst sie meist nur eine halbe Planstelle im Ausbildungszentrum. Ansonsten arbeiteten sie als Notfallsanitäter, Schwestern, Ärzte – eben als professionelle Retter.

 

 

 

 

 

 

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