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Ältester Bürger : „Wo ist die Oma“, fragt der Ururenkel

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Gertrud Tettenborn aus Mecklenburg ist 107 Jahre alt geworden

svz.de von
erstellt am 18.Sep.2014 | 20:34 Uhr

Wenn Gertrud Tettenborn an ihren Geburtsort denkt, gerät sie ins Schwärmen. Die Dame aus Kuhlenfeld bei Boizenburg (Kreis Ludwigslust-Parchim) ist dieser Tage 107 Jahre alt geworden und hatte im ersten Drittel ihres Lebens in Breslau gewohnt. „Es war sehr gemütlich und hübsch in Breslau, es hat jedem dort gefallen“, sagt die Seniorin, die nach Angaben des Landkreises der älteste Bürger im Landkreis ist – und eine der ältesten im ganzen Bundesland. Als Rekordhalterin feierte Else Rönsch im März in Heringsdorf ihren 110. Geburtstag.

Ein 107-jähriges Leben – viel zu erzählen. Gertrud Tettenborn erinnert sich, wie sie als Schneiderin bei einer kleinen Privatfirma gearbeitet und für die Leute Kleider genäht hat. Bis 1939 verbringt sie eine glückliche Zeit in der polnischen Großstadt. „Zu der Zeit gab es viele Studenten in der Stadt“, erinnert sich die 107-Jährige. Sie schildert einen Spruch bei einem Denkmal „Die Studenten, die losen/ die borgten mir Badehosen/ die Feuerwehr hat sie mir abgemacht / jetzt steht er wieder stapelnackt“. Und sie erinnert sich an eine weitere Begebenheit: Ihre Schwester und sie haben eines Abends laut gesungen. „Sie haben zwar schöne Stimmen, aber jetzt ist Nachtruh“, erzählt Getrud Tettenborn von dem Polizisten, der plötzlich vor ihnen stand und sie ermahnte.

Schließlich lernt Gertrud ihren künftigen Ehemann kennen, bringt 1936 ihre älteste Tochter Eva-Maria zur Welt, 1940 die zweite und 1943 einen Sohn. Ihr Ehemann ist schon im Kriegsdienst.

„Ab 1940 oder 41 gab es viele Flieger-Angriffe, da waren wir sehr oft im Luftschutzbunker“, erinnert sich Tochter Eva-Maria. Im Januar 1945, als die russischen Truppen bereits Richtung Breslau vorstießen, verließen Gertrud Tettenborn und ihre Kinder, ihre Schwestern sowie die Oma und deren Schwester in allerletzter Minute die Stadt. „Wir konnten nur das Nötigste mitnehmen“, sagt die Seniorin. Zunächst kamen sie bei Verwandten in einer Kleinstadt im Isergebirge unter. Als auch hier die Front immer näher rückte, flohen sie, kamen sie bei einer Familie in Usti, im Sudetengau unter. Im Mai 1945, mit der Kapitulation von Deutschland, verlassen sie auch diesen Ort und schaffen es bis nach Görlitz. Auf ihren Wegen machen sie Halt in verlassenen Bauernhöfen oder in Kirchen, sehen dabei u.a. auch Kriegsleichen.

„In Görlitz haben wir eine Unterkunft in einem nicht mehr bewohnten Haus bezogen“, erinnert sich die Tochter. Die Mutter und ihre Schwestern gehen in der Zeit zu verlassenen Häusern – immer auf der Suche nach Lebensmitteln. „Da hat man keine Angst, da geht es ums Überleben“, schildert Tochter Eva-Maria.

Sie ziehen auch von Görlitz fort, gelangen auf einem Viehwagen nach Neu Jabel. Einige Jahre später – der Ehemann ist aus dem französischen Gefangenenlager zurück – beziehen sie das Neu Jabeler Schulgebäude. Gertrud Tettenborn ist nun wieder als Schneiderin tätig. „Oft wurde noch in Naturalien und wenig mit Geld gezahlt“, sagt Tochter Eva-Maria, die damals u.a. Kartoffel stoppeln gegangen ist.

Eva-Maria Schulz macht eine Lehre im Büro, lernt Erich kennen und heiratet ihn. 1978 bauen sie schließlich ein Haus in Kuhlenfeld, holen ihre Mutter und deren Schwester zu sich, richten der Mutter ein Nähzimmer ein. Daran, aber auch an ihren acht Urenkeln und einem Ururenkel erfreut sich die 107-Jährige. „Sie kommen immer rein und fragen ,Wo ist die Oma’“, sagt sie und schmunzelt.

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