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Mecklenburg-Vorpommern

21. November 2017 | 17:04 Uhr

Zoos in MV : Wo ist der Bär?

vom
Aus der Onlineredaktion

Die Zoos in Mecklenburg-Vorpommern wollen unterhalten und trotzdem artgerecht sein – ein schmaler Grat

svz.de von
erstellt am 28.Sep.2016 | 05:00 Uhr

„Der Tiger da, der liegt aber unattraktiv.“ Die gestreifte Großkatze schlummert friedlich vor sich hin. Doch die anspruchsvolle Besucherin des Zoologischen Gartens Schwerin bringt das Dilemma des Tierparks auf den Punkt. Die Zoos befinden sich in der Zange zwischen Tierschutz und Bespaßung des Publikums.

Über drei Millionen Besucher in Mecklenburg-Vorpommern kaufen sich jährlich ein Ticket für den Tierpark. Da viele Schulklassen kostenlos reinkommen und nicht mitgezählt werden, sind es vermutlich deutlich mehr, spekuliert eine Angestellte des Landeszooverband MV. Die Kinder müssen zunehmend genauer hinschauen. Betonbauten, in denen die Tiere gut sichtbar vor sich hinvegetieren, stoßen auf Ablehnung beim Zoopublikum des 21. Jahrhunderts.

Die alte Bärenburg des Rostocker Zoos ist so ein unschöner Fleck in der Tierpark-Landschaft. Vor einer hohen Mauer starren die Eisbären von einem tristen Steinboden über den bräunlichen Wassergraben. „Die Anlage ist vollkommen in die Jahre gekommen“, erzählte Maria Seemann-Zeppelin von der Verwaltung. Eine artgerechte Haltung sei unter diesen Umständen kaum möglich. Aus diesem Grund werden die weißen Bären dieses Jahr umziehen, um den Weg für die Modernisierung des „Polariums“ frei zu machen.

Mehr Platz für die Tiere und mehr Natur soll die Antwort für die grünen Ansprüche des Publikums sein. Das hat Folgen: Wer die Bären im Schweriner Zoo sucht, muss manchmal Geduld oder Glück mitbringen. Hinter der Glaswand verbirgt sich ein Dickicht aus Büschen und die beiden Braunbären sind nur schwer im Gehölz zu erkennen. Vorsichtshalber stellte der Zoo einen Holzturm auf. Mit etwas Geschick erspäht man als Besucher ein bisschen braunes Fell.

Frank Albrecht, vom Verein „EndZOO“, glaubt nicht an den Kompromiss zwischen Unterhaltung und Tierwohl. „Wir arbeiten dafür, dass das Konzept Zoo ausläuft. Natürlich brauchen wir Übergangszeiten, aber langfristig müssen die Anlagen weg.“ Die Patenschaft von Angela Merkel für einen Steinadler im Stralsunder Zoo zeigt für Albrecht die ganze Doppelmoral im Tierpark. „Die Kinder lernten einen Vogel kennen, der noch nie außerhalb von Shows geflogen und in einer Voliere eingesperrt ist. Der Steinadler , der jedes Bundeswappen im Land ziert, lebt in Gefangenschaft.“ Gestutzte Flügel bei Vögeln auf Freiflächen, noch so ein Thema über das der „EndZOO“-Vorsitzende endlos schimpfen könnte.

Dr. Tim Schikora ist Leiter des Schweriner Zoos. Er glaubt an den erfolgreichen Spagat. „Heute sind die Gehege naturbelassener und um ein Vielfaches größer. Unser Nashorngehege war früher 300 Quadratmeter groß, jetzt sind wir mittlerweile bei 8000”, sagt der Zoodirektor.

Doch artgerechte Haltung erfordert auch Verständnis. „Unsere Besucher sollten etwas mehr Zeit mitbringen und auch eine gewisse Freude am Entdecken.“ Für den Fall, dass der Tiger mal unsichtbar bleiben sollte, schuf der Zoo auch neue Angebote. Das offene Präriehund-Gelände in Schwerin sorgt für Begeisterung. Mit großen Augen hocken die Kinder vor den Löchern der kleinen Erdbewohner, die ihre Gänge zwischen die Gehwege bauen dürfen. Natürlich buddelten sich die Steppenbewohner schon mal bis ins benachbarte Wohngebiet. Nebenwirkungen neuer Zoo-Konzepte. „Wir betreiben noch eine Käfiganlage, die eigentlich nicht in einen modernen Zoo gehört. Wir halten dort aber nur noch sporadisch kleinere Tierarten und dann nur für kurze Zeit”, gesteht Schikora.

Wolgasts Direktor springt seinem Kollegen aus Schwerin zur Seite. Die alten Bärenburgen gelten als antiquiert. Gestapelt wie Teddybären, werden die großen Wildtiere präsentiert. „Seit Jahren entwickeln sich Zoos in die entgegengesetzte Richtung“, so Mirko Daust. „Natürlich taugen diese Anlagen aus den sechziger Jahren nur noch als Museum. Wir gehen aber mit der Entwicklung.“

Wer beim nächsten Zoobesuch vergeblich den Bären im Busch sucht, gönne den Tieren ihre gewachsene Freiheit. Tiger, die mit psychotischer Ruhe am Käfiggitter auf und ab liefen oder Affen, die aus Langeweile mit ihren Exkrementen spielten, gehören zunehmend der Vergangenheit an. Artgerechte Haltung bedeutet mehr Fläche mit weniger Tieren. Der Abstand zwischen den Zoobewohnern und dem Publikum ist gewachsen. Ein notwendiger Kompromiss.

Kommentar: Tierhaltung und Operetten

Tierschützer setzen Zoos unter Druck. Das ist gut, um Missstände öffentlich zu machen. Auf der anderen Seite muss man den Tierparks auch Zeit geben. Ein Nashorngehege um das Zehnfache zu vergrößern, kostet viel Geld.

Die Mehrheit der Zoos befindet sich in öffentlicher oder gemeinnütziger Hand. Sie müssen Eintritt verlangen, weil die staatlichen Subventionen selten ausreichen. Der Verband der zoologischen Gärten (VdZ) bemängelt, wie gering die Unterstützung sei.  Zum Vergleich, die Theaterkarten finanziert die öffentliche Hand in MV mit 103 Euro. Pro Karte, versteht sich! Der Zooverband mit Sitz in Berlin bestätigte, dass dies ein generelles Problem in Deutschland sei. Der gehobenen Unterhaltung im Theater steht tendenziell mehr Geld zur Verfügung als dem Unterhalt von Zootieren.

Wer mit Kindern oder Enkeln artgerechte Zoos besuchen möchte, sollte immer auch die Subventionspolitik der Parteien im Blick haben. Nicht nur der regelmäßige Kauf von Eintrittskarten hilft. Auch die Nachfrage beim Abgeordneten, wo er oder sie die Schwerpunkte der Finanzierung legt: Tierschutz im Zoo oder Operetten? Zumindest ähnliche Summen sollte für beide zur Verfügung stehen.

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