Ausstellung im Kulturhaus Mestlin : Wo die Schatten bunt sind

AG Kunst-Koop, Into the Blue, Video-Painting-Objekt
1 von 5
AG Kunst-Koop, Into the Blue, Video-Painting-Objekt

In der Ausstellung „Idealfall“ denken 26 Künstler im Kulturhaus Mestlin über Vollkommenes und Verkommenes, Perfektes und Perverses nach

23-11368278_23-66108191_1416392711.JPG von
20. Mai 2018, 16:00 Uhr

Gibt es ideale Kunst? Eine Frage, über die Besucher dieser jüngsten Ausstellung im Kulturhaus Mestlin nachdenken könnten. Im Idealfall. Weil die Schau von 26 norddeutschen und Berliner Künstlern genau so heißt – „Idealfall“. Oder weil die Bilder, Fotografien, Videos, Installationen und Collagen im Gegenteil vielleicht so gar nicht ihren Sehgewohnheiten entsprechen? Pikant auch, dass diese Schau zudem im Zentrum des früheren sozialistischen Musterdorfes zu sehen ist, auf einem Platz, der nach Marx und Engels benannt wurde, jenen Männern also, die auch als Materialisten und Kommunisten letzten Endes nichts anderes als Idealisten waren, die von einer vollkommenen Gesellschaft träumten.

Zudem hat das Kuratorenteam um Andre van Uehm für die nunmehr achte Ausstellung der Reihe „Kunstlandschaft“ mit „Idealfall“ ein so weites Motto gewählt, dass man jedes Kunstwerk in der Interpretation so drehen und wenden kann, bis es zum Thema passt.

Machen wir bei einigen der ausgestellten Kunstwerke die Probe aufs Exempel.

Das Triptychon der AG Kunst-Koop mit dem Titel „Into the Blue“, im Zentrum ein Video, links und rechts davon ein Gemälde, erlaubt dem Betrachter, frei zu assoziieren und sich mit seinen Träumen, Ängsten und Reflexionen im Farbenrauschen zu verlieren.

In ähnliche Richtungen denkt auch Kerstin Borchardt mit ihrer Serie „Buntschatten“. „Wo die Schatten bunt sind, ist es ideal“, sagt sie. Wie im Traum.

Alpträume beschwört Ramona Seyfahrt in ihrer zimmerfüllenden Installation „The Edge“ herauf. Rote Platten, die beim zweiten Hinsehen das Mittelmeer darstellen, hat sie mit einem Spitzenstoff aus Tausenden winzig kleinen Booten bedeckt. Die Arbeit wird die Ausstellung nicht überleben. Welche Symbolkraft.

Ebenso selbsterklärend die Collage der Forschungsgruppe Kunst aus Rostock: Von Weitem schreit an der Wand das überdimensionale Wort „PENG“ herab. Beim Näherkommen entdeckt man, dass es aus Hunderten kleiner Fotos von Kernkraftanlagen gebildet wird – Idealfall Fortschrittsoptimismus, der längst durch tödliche Störfälle ausgehebelt wurde.

Ein Unfall harmloser Natur ereilte Ulf Michaelis, als auf dem Flug nach New York sein Laptop zu Schaden kam. Bearbeitete Fotografien vom defekten Bildschirm dokumentieren diesen Idealfall einer nunmehr von digitaler Überreizung befreiten Reise.

Kinderzeichnungen ihrer jüngsten Tochter sind für Franziska Hesse „Inbegriff der Unbefangenheit“, mithin vollkommen. Wie auch die Körner auf den fotografischen Pigmentdrucken Andre van Uehms Sinnbild von Geheimnis, Schönheit und idealem Neuanfang sein können.

Was den Menschen, angeblich die Krone der Schöpfung, ausmacht, danach fragen Anna Silberstein und Susanne Gabler. Letztere flicht in ihre Installation aus unzähligen Garnfäden Fragmente eines Porträtfotos ein. „Zwischen diesen Einzelteilen suche ich nach den Strukturen, die wir alle teilen“, so die Künstlerin aus Wismar.

Anna Silberstein hat Lupen in Porzellan gegossen und teilweise mit Harzstrukturen gefüllt, die an Erbmaterial und Chromosomenstrukturen erinnern. Darf Erbgut vor der Geburt so zurechtgeschnitten werden, dass ein Mensch geboren wird, wie Mediziner und Eltern ihn sich wünschen, fragt die Künstlerin.

Nicht dem Anfang des Lebens, sondern dessen Ende nähert sich Sieglinde Mix mit ihrer Installation aus zwölf Lichtobjekten. Auf jeweils sechs hintereinanderhängenden Plexiglasscheiben hat die Künstlerin Fotografien ihrer Mutter gedruckt. Entstanden in jenem Jahr, als sie das Verschwinden der an Demenz erkrankten Frau und deren immer seelenhafteres Fortgehen dokumentierte. „Seelen“ heißt diese Arbeit aus dem „Zwischenbereich des jetzt noch und nicht mehr“. Das berührendste Kunstwerk der Ausstellung wird ohne Zweifel Spuren in der Erinnerung der Besucher hinterlassen. Ein Idealfall.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen