Ex-Stasi-Mitarbeiter ausgezeichnet : Wirtschaftsminister gerät in die Kritik

Strahlende Gesichter: Minister Harry Glawe und  Unternehmer  Dietmar Enderlein bei der Preisverleihung. Foto: Archiv
Strahlende Gesichter: Minister Harry Glawe und Unternehmer Dietmar Enderlein bei der Preisverleihung. Foto: Archiv

Der Chef der Medigreif-Gruppe und Ex-Stasi-Mitarbeiter, Dietmar Enderlein, ist mit dem Unternehmerpreis des Landes ausgezeichnet worden. Deswegen gerät nun Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) zunehmend unter Druck.

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24. Mai 2013, 07:51 Uhr

Schwerin | Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) gerät wegen der Vergabe des Unternehmerpreises des Mecklenburg-Vorpommern an den Chef der Greifswalder Medigreif-Gruppe, Dietmar Enderlein, zunehmend unter Druck. Enderlein war am Mittwoch von Glawe der Sonderpreis für sein Lebenswerk übergeben worden, obwohl er in der DDR als Institutsdirektor der Militärmedizinischen Sektion in Greifswald als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) "Rolf Jakob" für die Staatssicherheit tätig war. Gewerkschaften kritisieren zudem, dass er seine Mitarbeiter nicht nach Tarif bezahlt.

Bündnis 90/Die Grünen im Schweriner Landtag sehen die Preisverleihung "äußerst kritisch", wie Fraktionsvorsitzender Jürgen Suhr sagte. Nach seiner Ansicht offenbaren der Wirtschaftsminister und die Jury einen "höchst fragwürdigen Umgang mit der Geschichte". Die Grünen wollen am Dienstag in der Fraktionssitzung entscheiden, wie sie im Parlament mit dem Thema umgehen wollen.

Kritik auch von den Linken: "Die Preisverleihung zeigt die Doppelzüngigkeit von CDU-Politik: Einerseits fordert man in regelmäßigen Abständen das Verbot von DDR-Symbolik, andererseits zeigt man sich gern mit erfolgreichen Unternehmern, die eine typische DDR-Sozialisation haben", meinte der innenpolitische Sprecher der Links-Fraktion, Peter Ritter.

SED-Opferverbände äußerten ihr Unverständnis. "Dass ausgerechnet ein CDU-Minister den Preis an einen ehemaligen Stasi-Mitarbeiter überreicht, ist unbegreiflich", sagte Professor Gerhard Meinl, Leiter der Arbeitsgemeinschaft ehemaliger politischer Häftlinge im Verband der ehemaligen Rostocker Studenten.

Die Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Marita Pagels-Heineking, sagte gegenüber unserer Redaktion, dass bei der Preisvergabe für das Lebenswerk, die ganze Lebensgeschichte in Betracht gezogen werden müsse. "Jury und Ministerium hätten nachfragen können", so der Vorwurf der Landesbeauftragten.

Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) verteidigte die Vergabe des Unternehmerpreises an Enderlein. Der Vorschlag für die Auszeichnung sei von Unternehmen aus der Region und von Mitarbeitern gekommen. Die Jury des Wettbewerbs, der vom Land, den Sparkassen, den Wirtschaftskammern und der Vereinigung der Unternehmensverbände getragen werde, habe einstimmig entschieden. "Der Preis würdigt die unternehmerische Leistung", meinte Glawe. Enderlein habe "nach 1989/90 Arbeitsplätze in der Region gehalten, sich Verdienste um den Standort Greifswald erworben und sich um den Erhalt von Arbeitsplätzen verdient gemacht, z.B. auch in Wolgast, Heringsdorf, Boizenburg".

Das ist den Gewerkschaften zu wenig: Für eine Auszeichnung reiche es nicht allein, nur Arbeitsplätze um jeden Preis zu schaffen, kritisierte Neubrandenburgs Verdi-Geschäftsführer Bernd Gembus die Entscheidung. Dazu gehörten auch gute Arbeitsbedingungen. In Enderleins Medigreif-Gruppe aber gebe es beispielsweise keine Tarifbindung für vernünftige Löhne. Seit 15 Jahren gebe es keine Tarifverhandlungen mehr, erklärte Gembus. Von einer vernünftigen Arbeitnehmervertretung durch Betriebsräte sei bei Medigreif nichts bekannt.

Enderlein selbst sagte zu den Vorwürfen, er habe mehrere Stasi-Verpflichtungserklärungen unterschrieben, sei aber kein klassischer IM gewesen. Als einer der drei höchstrangigen Militärärzte der DDR habe er beispielsweise eine Erklärung für die Militärspionageabwehr unterschrieben. Enderlein warnte vor Neiddebatten wegen seines Erfolgs heute. Er sagte: "Es gibt Lokomotiven, die fahren immer vorne an, egal in welche Richtung der Zug fährt."

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