Ernährung : Zu gut für die Tonne

<p>Mehr als die Hälfte der Lebensmittel, die im Müll landen, wäre laut einer WWF-Studie vermeidbar.</p>
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Mehr als die Hälfte der Lebensmittel, die im Müll landen, wäre laut einer WWF-Studie vermeidbar.

18 Millionen Tonnen Lebensmittel wandern in Deutschland jährlich in den Müll. MV sucht Einsparideen.

svz.de von
24. September 2015, 12:00 Uhr

Das Ausmaß hatte Tanja Dräger de Teran dann doch überrascht: „Im Schnitt werfen wir in Deutschland jede Sekunde 313 Kilo genießbare Nahrungsmittel weg“, ermittelte die Lebensmittelexpertin der Umweltorganisation WWF in ihrer neuesten Studie „Das große Wegschmeißen“ – fast ein Drittel des deutschen Nahrungsmittelverbrauchs. „Und nur eine konservative Schätzung“, sagt die Fachfrau: „Die wahre Situation ist weit dramatischer.“ Auf dem Feld, in der Lagerhalle, am Produktionsband, im Verkaufsregal, in der Kantine, in der Küche – vom Acker bis in die Pfanne werden in Deutschland Unmengen an Lebensmitteln verschwendet.

Der Müllberg wächst: Essbare Schrumpel-Äpfel oder krumme Gurken in der Tonne, untergepflügter Salat, nur weil er in Form und Größe vom Kaufideal abweicht, vernichtete Würstchen, nur weil bei schlechtem Wetter zu viel produziert worden ist – kaum etwas, was nicht im Müll landet. Der Handel wirft lieber Produkte kurz vor Ablauf des Haltbarkeitsdatums weg statt sie billiger anzubieten. Bäcker bieten Brot vom Vortag gar nicht mehr an, sondern werfen es weg. Verbraucher kaufen zu viel und lagern Lebensmittel falsch. 18 Millionen Tonnen Nahrungsmittel wandern pro Jahr in die Tonne, ermittelte die WWF-Studie – noch einmal sechs Millionen Tonnen mehr als 2012 in einer Analyse des Bundeslandwirtschaftsministeriums ermittelt wurde. Das sei „im großen Maß besorgniserregend“, urteilen die Studienautoren. Dabei wären zehn Millionen Tonnen Nahrungsmittel-Müll vermeidbar – zu gut für die Tonne. 2,6 Millionen Hektar – mehr als die Fläche Mecklenburg-Vorpommerns – mussten dafür bewirtschaftet werden, für umsonst produzierte Lebensmittel.

Das Problem ist hausgemacht: Lebensmittel im Überfluss und zu Niedrigpreisen – das Überangebot und die ständige Verfügbarkeit vieler Lebensmittel wie Erdbeeren im Winter lassen viele Verbraucher schneller die Mülltonne öffnen. So sind die Ausgaben für Nahrungs- und Genussmittel von 1950 mit 50 Prozent des Haushaltseinkommens auf nur noch 9,5 Prozent gesunken. „Es fehlt an Wertschätzung für Lebensmittel“, kritisiert Beate Schlupp, Agrarexpertin der CDU-Fraktion im Schweriner Landtag. Kreative Resteverwertung, vorausschauendes Einkaufen – „das kennen viele gar nicht mehr“, meint Schlupp. Das rächt sich: 40 Prozent der verschwendeten Lebensmittel, so die WWF-Studie, werfen die Verbraucher in die Tonne.

Das stört offenbar wenig: Essenretterbrunch in Berlin, Kochen gegen die Verschwendung in Nordrhein-Westfalen, Europäische Woche gegen die Abfallvermeidung, eine Speisekarte mit Resteessen, dazu Kampagnen der Bundesregierung, Aktionsprogramme, Wettbewerbe – der Abfallberg wird trotzdem nicht kleiner. Das wundert nicht: Der Bund halte zwar daran fest, bis 2020 die Lebensmittelverschwendung um die Hälfte reduzieren zu wollen. Aber: „Das ist nicht mehr haltbar“, meint WWF-Frau Dräger de Teran. Es fehle an klaren Einsparzielen für die Wirtschaft. Die Bundesregierung müsse einen nationalen Aktionsplan auflegen und eine Koordinierungsstelle einrichten. Dräger de Teran: „Wir brauchen einen Ruck in der Gesellschaft.“

Dabei ist es gar nicht so schwer: Viele gute Ideen gebe es, meint Agrar-Fachfrau Schlupp: „Nur an der Umsetzung hapert es.“ Bei aller Aufklärung sei bei Produzenten, Verarbeitern, Handel und Verbrauchern noch immer nicht angekommen, dass jeder etwas tun könne, den Berg der Lebensmittelabfälle abzutragen. Stattdessen würden in Restaurants noch immer zu wenige unterschiedliche Portionsgrößen angeboten, beobachtet Tanja Dräger de Teran. Und an den Buffets gehe es noch wie vor zu üppig zu: Nicht immer gleich wieder auffüllen, rät Dräger de Teran. Das verleite nur, die Teller all zu üppig zu beladen. Auch im Handel würden noch lieber XXL-Verpackungen angeboten, statt den Kunden kleinere Portionen anzubieten. Die Märkte würden sich zudem selbst Normen auferlegen und nahezu einheitliche Fruchtgrößen verlangen, außer Norm liegende Früchte damit aussondern. Solange der Geschmack stimme sei aber egal, ob Tomaten oder Gurken gleich groß seien. „Die inneren Werte zählen“, meint Dräger de Teran.

Zumindest 52 000 Verbraucher in Deutschland ziehen jetzt Konsequenzen: Binnen drei Monaten unterschrieben sie eine Petition gegen Lebensmittelverschwendung, die der WWF gestern an die CDU- und SPD-Bundestagsfraktionen und an Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) übergab. Und auch die rot-schwarze Koalition in Schwerin startet noch einen Versuch: Die Verschwendung sei weder aus ethischen, wirtschaftlichen oder umweltpolitischen Gesichtspunkten vertretbar, warnen die Parlamentarier in einem heute im Landtag zur Debatte stehenden Antrag zur Eindämmung der Verschwendung von Lebensmitteln. Und so fordern die Fraktionen von CDU und SPD die Landesregierung auf, gemeinsam mit Landwirten, Herstellern, Groß- und Endverbrauchern, Kirchen und Organisationen aus dem Umwelt-, Bildungs- und Sozialbereich Wege zur Verringerung des Lebensmittelabfalls zu erarbeiten. Auch solle in Schulen mehr Aufklärung geleistet und ein Wettbewerb zur Vermeidung von Lebensmittelverschwendung ausgeschrieben werden. „Wir wollen zeigen, wie man sparen kann“, meint Schlupp: „Jeder kann etwas tun, für sich selbst und für mehr Nachhaltigkeit.“  

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