Verdacht : Zockt uns das Kartoffel-Kartell ab?

Durch illegale Preisabsprachen sollen mehr als 100 Millionen Euro Schaden entstanden sein. dpa
Durch illegale Preisabsprachen sollen mehr als 100 Millionen Euro Schaden entstanden sein. dpa

Hat ein Kartoffel-Kartell die Lieblingsknolle der Deutschen zu überhöhten Preisen verkauft? Diesen Verdacht hegt das Bundeskartellamt. Jahrelang sollen die Kartoffel-Verarbeiter dicke Gewinne eingefahren haben.

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12. Mai 2013, 06:32 Uhr

Die Kartoffel in der Hand eines Kartells: Diesem Verdacht ist das Bundeskartellamt mit einer Durchsuchungsaktion nachgegangen. Der Schaden durch illegale Preisabsprachen bei Kartoffeln soll Medienberichten zufolge für die Verbraucher zwischen über 100 Millionen und einer Milliarde Euro liegen.

Laut „Süddeutscher Zeitung“ sollen 80 bis 90 Prozent der großen und größeren Verarbeitungsbetriebe in der Kartoffel- und Zwiebel-Branche regelmäßig die Preise abgesprochen haben, zu denen die Supermarkt-Ketten beliefert wurden. Die Gewinnmarge soll so rasant in die Höhe gestiegen sein und sich mitunter verzehnfacht haben, vor allem auf Kosten der Verbraucher.

Diese hätten in den Supermärkten weit mehr gezahlt als notwendig. Das Bundeskartellamt hatte Ermittlungen wegen illegaler Preisabsprachen bestätigt. Neun Unternehmen aus dem Bereich Erzeugung und Vertrieb seien in der vergangenen Woche durchsucht worden. Außerdem seien gegen fünf weitere Unternehmen schriftlich Bußgeldverfahren eingeleitet und die Wohnung eines Verdächtigen überprüft worden, teilte das Amt mit. Es handele sich aber um einen Anfangsverdacht und für die betroffenen Unternehmen gelte die Unschuldsvermutung. Der „Bild“ zufolge stammen fünf der verdächtigen Firmen aus Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern.

Das Kartell habe ganz einfach funktioniert, sagte ein Branchenkenner der „SZ“. Es soll einen Anführer gegeben haben, der beispielsweise vor den Bestellungen der großen Discounter-Ketten die Kollegen angerufen und den Wochen-Preis ausgemacht habe. Die Angebote sollen sich dann nur um einen oder ein paar Cent unterschieden haben.

Der Geschäftsführer einer der durchsuchten Firmen wies die Vorwürfe zurück. „Wir haben kein schlechtes Gewissen, wir sind da relativ gelassen“, sagte er. Dass ein solches Kartell existiert habe, könne er sich nicht vorstellen. Eines der neun betroffenen Unternehmen kündigte in Mönchengladbach für die kommenden Tage eine Stellungnahme an. Vorher werde man sich zu den Vorwürfen nicht äußern. Mehrere andere Unternehmen wollten keine Stellungnahme abgeben oder waren nicht erreichbar.

Der Kartellrechtsexperte Maxim Kleine sagte, je weniger Anbieter, desto anfälliger sei eine Branche für illegale Preisabsprachen. Wenn Waren zudem austauschbar und homogen seien, seien dies generell gute Bedingungen für ein Kartell. Klagen der Handelsketten gegen die Kartoffelverarbeiter seien durchaus wahrscheinlich, wenn sich der Kartellverdacht bestätige. Für die Verbraucher in Deutschland sei es angesichts der „atomisierten Schäden“ und mangels des Instruments der Sammelklage kaum möglich, ihren Schaden geltend zu machen.

Ein Verband kleiner und mittlerer Bauern begrüßte die Ermittlungen. Nicht nur die Verbraucher, sondern auch viele Landwirte seien durch Absprachen großer Kartoffelhandels-Unternehmen möglicherweise massiv geschädigt und betrogen worden, erklärte der niedersächsische Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, Ottmar Ilchmann.

Niedersachsen Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) sprach von einem Skandal, sollte sich der Verdacht illegaler Absprachen bestätigen. „Nicht nur die Verbraucher wären durch überhöhte Preise erheblich geschädigt worden“, sagte er am Samstag. „Auch einige Kartoffelbauern haben ihre Pflanzkartoffeln möglicherweise zu erhöhten Preisen bekommen und wären die Geschädigten.“ Es könne nicht sein, dass wenige große Spieler die Konditionen diktieren und die Landwirte und Verbraucher die Zeche zahlten.

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