Wipfelstürmer : Zapfenpflücker auf dem Baum

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Nur alle paar Jahre klettern besonders sportliche Forstleute zum Zapfenpflücken auf die Nadelbäume / Dieses Jahr erwartet MV eine reiche Ernte

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14. September 2015, 21:00 Uhr

„Achtung, Sack kommt!“ Ein Ruf von oben zerreißt die Stille im Wald. Ein Rauschen, splitternde Äste, dann ein dumpfer Aufprall. Forstwirt Henning Friz hat gerade einen großen Beutel mit rund zehn Kilogramm reifen Douglasien-Zapfen in die Tiefe fallen lassen. Kaum zu sehen ist der Waldarbeiter oben in den Kronen der gut 40 Meter hohen Nadelbäume im Revier des Forstamtes Sandhof bei Neu Poserin am Rande der Mecklenburgischen Seenplatte. Rasch klettert der 46-Jährige beinahe wie ein Eichhörnchen ein Stück weiter den Stamm hinauf. Festen Stand suchen, sichern, Zapfen pflücken.

Die zehn speziell ausgebildeten Baumsteiger des Landesforstes von Mecklenburg-Vorpommern holen in diesem Spätsommer eine reiche Ernte von den Bäumen, sagt Eberhard Behrendt, Chef der einzigen norddeutschen Forstsamendarre Jatznick (Vorpommern-Greifswald). Nur alle paar Jahre passten Wetter, Ausbeute und Qualität zusammen, so dass sich die aufwendige Arbeit in den Wipfeln der Nadelbäume für die Kletterkünstler der Forstwirtschaft lohnt. Zuletzt war dies im Nordosten 2009 und 2011 der Fall.

Die Hangelei durch die Baumkronen gleicht einem Wettlauf mit der Zeit. Douglasienzapfen müssten vollreif, aber noch grün und verschlossen gepflückt werden, erklärt Behrendt. Öffneten sie sich bereits am Baum, fielen die Samen heraus und sind für eine gezielte Aufzucht junger Bäumchen und das Pflanzen neuer Wälder verloren. Nur zwei, drei Wochen Ende August bis Mitte September bleiben also für das Pflücken in luftigen Höhen. Geerntet wird nur von gesunden, kerzengerade wachsenden Bäumen, die zuvor per Genanalyse mit „kriminalistischer Genauigkeit“ durchgecheckt wurden. Schließlich sollen aus den Samen die Wälder für die nächsten Generationen wachsen, sagt Behrendt.

Wie ein Zirkusartist am Trapez hantiert Henning Friz im Geäst, Aug in Aug mit Adlern und Eulen. Die grandiose Aussicht aus der Vogelperspektive, die vollkommene Ruhe entschädigen für die schweißtreibende Kletterei und das mühevolle Zapfenpflücken, erzählt er nach Rückkehr zum Boden. Seit 20 Jahren arbeitet er als Baumsteiger. Für seinen Job braucht er stabile Seile, Steigeisen, Handschuhe und einen zwei Meter langen Stab mit Haken zum Heranholen der voll behangenen Äste, erklärt der Forstwirt. Zudem muss man sportlich, schlank und schwindelfrei sein. So ein Stamm ist schließlich keine feste Felswand, der schwanke manchmal um mehrere Meter, die Krone drehe sich kräftig im Wind. „Da bist du immer in Bewegung.“ 

In diesem Jahr beschränkt sich das Zapfenpflücken in den Landeswäldern auf den gut sechs Hektar großen, fast 90 Jahre alten Douglasienbestand bei Neu Poserin im Landkreis Ludwigslust-Parchim, kleinere Forstflächen im vorpommerschen Rothemühl sowie auf wenige Bestände von Küstentannen. Allein von den Douglasien könnten im Land bis zu 2,5 Tonnen Zapfen geholt werden, eine gute Ernte, schätzt Behrendt.

Aus den frischen, reifen Zapfen werden in den Trockenöfen der Jatznicker Darre rund 25 Kilo Saatgut gewonnen. Baumschulen zögen aus dieser Menge mehr als 760 000 Pflanzen für rund 380 Hektar neuen Wald. Die jungen Bäumchen werden fast ausschließlich für Aufforstungen zwischen Elbe, Oder und Ostseeküste, also direkt in ihrem Herkunftsgebiet verwendet, betont Ingenieur Behrendt. Die verschiedenen Arten sind jeweils perfekt an ihren Standort angepasst und können sich so am besten zu langlebigen Wäldern entwickeln.   

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