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Affront im Kälberstall : „Wir töten keine Kälber“

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Landwirte wehren sich gegen Vorwürfe von Tierschützern und Grünen: Junge Rinder würden vernünftig versorgt, keine illegalen Tötungen

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erstellt am 20.Mai.2015 | 08:00 Uhr

Affront im Kälberstall: Torsten Schrein versteht die Welt nicht mehr: „Könnten Sie dieses Kälbchen töten“, fragt er mit Blick auf das Jungtier – gerade geboren, erst vor wenigen Tagen im Abkalbestall der Landwirtschaftsgesellschaft Zahrensdorf nahe Sternberg, eines von 380 Kälbern im Rinderhof des 52-Jährigen. „Ich nicht“, sagt der Chef des 400 Milchkühe zählenden und 1700 Hektar großen Agrarbetriebes im Landkreis Ludwigslust-Parchim bestimmt. Doch genau das werfen Tierschützer ihm und den anderen Rinderhaltern in MV und Deutschland vor. Aus Profitgier würden Bauern vor allem Bullenkälber in Milchviehbetrieben absichtlich vernachlässigen, verenden lassen und mitunter töten, weil sich die Aufzucht angesichts von Billigpreisen nicht lohne. Die grüne Landtagsabgeordnete Ursula Karlowski wetterte, „Bullenkälber sind keine Ausschussware“. Es müssten gegen „den Trend zur Wegwerfkuh“ Alternativen in der Milchwirtschaft entwickelt werden. Die Sprecherin der Tierschutzorganisation White Paw, Melanie Vogelei, wurde in einem Magazin gar damit zitiert, dass Kälber, deren Aufzucht sich für die Bauern nicht lohne, „manchmal noch lebendig auf den Misthaufen geschmissen oder sogar in Gruben verscharrt werden“.

Mecklenburg-Vorpommerns Landwirte sind in Aufruhr: Die Debatte sei ein „Schlag ins Gesicht der Bauern“, setzte sich Schrein gestern gegen die Vorwürfe zu Wehr: „Wir töten keine Kälber. Das macht kein Landwirt.“ Mit Kälbern, die zwei bis drei Wochen nach der Geburt verkauft würden, lasse sich zwar kein Geld verdienen. Doch: „Egal, ob wir Geld verdienen oder nicht, wir versorgen die Tiere.“ Für schwache Kälber zahlten Viehhändler gerade mal 50 Euro, für andere im Schnitt 110 Euro. Das decke nicht die Kosten, gehöre aber zum Milchgeschäft dazu, sagte Schrein. Die Tiere würden von Fachleuten betreut. Ein Teil der weiblichen Kälber würden für die Reproduktion der eigenen Herde eingestallt, die anderen und die männlichen Tiere über Händler u. a. an spezialisierte Kälbermäster verkauft.

Alles andere dürfte Bauern auch in Erklärungsnot bringen: Etwa 200 000 Kälber werden jährlich von den derzeit 180 000 Milchkühen in MV geboren. Tierpass für jedes Kalb unmittelbar nach der Geburt mit Nachweispflicht, Ohrmarke, Tierärzte, Landeskontrollverband, Tierseuchenkasse: In dem dichten Kontrollnetz gehe kein Tier verloren und könne nicht einfach illegal entsorgt werden, widersprach auch Gerd Göldnitz, Vize-Präsident des Bauernverbandes, in der Tötungsdebatte: „Die Bauern lassen sich nicht unterstellen, sie sind Tierschänder.“

Allerdings: Vor sieben Jahren waren die Bauern in MV mit hohen Sterblichkeitsraten in den Rinderställen aufgefallen. In jedem fünften Kälber haltenden Betrieb war ein Viertel der Jungtiere tot geboren oder unmittelbar nach der Geburt gestorben, hatten Prüfungen des Landes ergeben – u. a. wegen mangelnder Erstversorgung, kritisiert Grünen-Frau Karlowski. Die „großen Probleme“ von damals seien abgestellt, versichert Silvia Ey, Tierproduktionsexpertin des Bauernverbandes. Die Zucht sei anders organisiert worden. Die Lebensbedingungen für die Tiere hätten sich verbessert, meinte auch Holger Reimer von der Rinderallianz. Inzwischen liege die Sterblichkeitsrate bei etwa zehn Prozent, erklärte Ey – ein im Bundesvergleich guter Wert.

Landwirt und Vize-Präsident Göldnitz meinte aber auch: Es werde immer Totgeburten geben. Auch nicht lebensfähige Tiere würden auf die Welt kommen: „Diese Tiere muss man dann erlösen.“  


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