Ausgleichspflanzungen MV : Wenn die Natur entschädigt wird

 Mobilität und Wohlstand fordern von der Natur ihren Tribut. Doch die Politik will den Raubbau bremsen und setzt Regeln. Wenn der Natur Raum genommen wird, soll sie an anderer Stelle welchen bekommen. Doch das wird immer schwieriger.
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Mobilität und Wohlstand fordern von der Natur ihren Tribut. Doch die Politik will den Raubbau bremsen und setzt Regeln. Wenn der Natur Raum genommen wird, soll sie an anderer Stelle welchen bekommen. Doch das wird immer schwieriger.

Suche nach Ausgleich auf dem Ökokonto: Kompensation für Eingriffe in natürliche Lebensräume wird immer schwieriger

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17. November 2015, 12:00 Uhr

Für den Bau neuer Straßen, Siedlungen oder Industriegebiete wird die Natur entschädigt. Doch erweist sich die Umsetzung vorgeschriebener Kompensationsmaßnahmen wie etwa die Renaturierung intensiv genutzter Agrarflächen auch in einem Flächenland wie MV als immer schwieriger. Interessenkonflikte zwischen Politik, Bauern und Umweltschützern verschärfen sich, wie eine Umfrage zeigt. Die scheinbar ungebremste Preisentwicklung für Land heizt die Situation noch an.

Nach Angaben des Schweriner Umweltministeriums wurden als Ausgleich für Baumaßnahmen im Land bislang rund 850 Einzelflächen mit einer Gesamtgröße von knapp 4000 Hektar gewissermaßen an die Natur zurückgegeben oder naturnah umgestaltet. Dazu zählt die Wiedervernässung einst trockengelegter Moore und Niederungen. Dies erfolgte u. a. im Zuge des Baus der Ostseeautobahn A 20 oder der Ostsee-Erdgaspipeline Nord Stream. Knapp 5000 Hektar sind langfristig für weitere Ausgleichsmaßnahmen vorgesehen. Zahlen, die dem Landesbauernverband gar nicht schmecken.

Für Bauernpräsident Rainer Tietböhl ist schon der „Flächenfraß“ durch Siedlungen, Verkehr oder auch Photovoltaikanlagen eine der größten Bedrohungen für landwirtschaftlich genutzten Boden. Allein im Jahr 2013 wurden im Nordosten knapp 800 Hektar Agrarland zu Siedlungs- und Verkehrsflächen. Dass diese Umwandlungen dann auch noch flächenträchtige Ausgleichsmaßnahmen nach sich ziehen, ist für Tietböhl nicht hinnehmbar. Er fordert ein gesetzliches Erhaltungsgebot für landwirtschaftliche Flächen.

Umwelt- und Agrarminister Till Backhaus (SPD): „Wir wollen, dass Natur- und Umweltschutz und wirtschaftliche und infrastrukturelle Entwicklung nicht einander ausschließen.“ Wer in Natur und Landschaft eingreife, sei gesetzlich verpflichtet, die dabei verursachten „erheblichen Beeinträchtigungen“ adäquat zu kompensieren. In der praktischen Umsetzung zeige sich aber, dass es zunehmend schwieriger werde, „zeitnah geeignete Flächen und Maßnahmen“ zu finden.

Den Ausweg glaubt Backhaus mit der Einrichtung eines sogenannten Ökokontos gefunden zu haben. „Kompen-sationsmaßnahmen können zeitlich vorgelagert und ohne konkreten Eingriff durchgeführt und in ein Ökokonto eingebucht werden“, erklärt der Minister. Bei späteren Natureingriffen könnten Investoren dann geeignete Maßnahmen von diesem Konto abbuchen – heißt: dafür zahlen.

Corinna Cwielag, BUND-Landesgeschäftsführerin, bleibt indes skeptisch. Sie fordert ein ständig zu aktualisierendes Kataster für alle Öko-Ausgleichsprojekte. „Es nutzt überhaupt nichts, wenn Vorgaben formal umgesetzt werden, aber keine Wirkung zeigen. Am Schweriner See sollte z.B. als Ausgleich für den Umbau des Burgsees zur Buga 2009 ein neuer Schilfstreifen angelegt werden. Die Schilfmatten sind aber nie angewachsen“, sagt Cwielag. Die von Backhaus initiierte Ökokontierung lehnt sie ab: „Die Kompensation muss innerhalb des betroffenen Naturraums stattfinden.“

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