zur Navigation springen

Wachsender Fachkräftemangel in Kitas : Wenn der Erzieher keiner ist

vom

Landesjugendamt schlägt Alarm: Immer mehr Kitas in MV beantragen Genehmigung, geringer qualifizierte Mitarbeiter einsetzen zu dürfen.

Immer häufiger werden in Mecklenburg-Vorpommern Kita-Kinder von Erziehern betreut, die (noch) gar keine sind. Hintergrund ist ein schnell wachsender Fachkräftemangel. Beim Landesjugendamt sind in diesem Jahr bis Mitte Mai bereits 82 Anträge für die Beschäftigung nicht ausreichend qualifizierten Personals eingegangen, wie der Direktor des Kommunalen Sozialverbandes, Jörg Rabe, der Deutschen Presse-Agentur sagte. Im gesamten vorigen Jahr seien es 107 gewesen, im Jahr davor 64. Für 2016 rechnet Rabe mit mehr als 200 Anträgen. Jeder werde sorgfältig geprüft und abgewogen. Es gehe schließlich um die Betreuungsqualität der Kinder. „Die Bauchschmerzen nehmen zu“, räumte Rabe ein.

Gesetzlich vorgeschrieben ist in Mecklenburg-Vorpommern ein staatlich anerkannter Erzieher für 15 drei- bis sechsjährige Kita-Kinder. Bei den unter Dreijährigen dürfen es sechs Kinder je Erzieher-Fachkraft sein. Daneben dürfen geringer qualifizierte Mitarbeiter beschäftigt werden, wie Kinderpfleger oder Seiteneinsteiger aus anderen Berufen.

Die gesetzlichen Vorschriften für die Mindestzahl an Fachkräften soll die pädagogische Qualität in den Kindertagesstätten sichern. Den Kita-Trägern fällt es jedoch immer schwerer, die Vorgaben zu erfüllen. Das berichtet auch der Städte- und Gemeindetag. „Der Gesetzgeber hat die Latte so hoch gelegt, dass mittlerweile alle bequem drunter her laufen“, stellt Geschäftsführer Andreas Wellmann fest. Er fordert die Einführung einer dualen Ausbildung zum staatlich anerkannten Erzieher. Sie sollte aus seiner Sicht kürzer sein als die bisher üblichen vier Jahre.

Dass dies geht, zeigt ein Modellprojekt des Diakonischen Werkes Mecklenburg-Vorpommern. Vor drei Jahren startete eine duale Ausbildung für 21 angehende Erzieher. Sie wurden als Azubis von Kita-Betreibern eingestellt und absolvierten neben ihrer praktischen Ausbildung vor Ort mehrere mehrwöchige Unterrichtsblöcke an der Fachschule. In drei statt vier Jahren - weil die Teilnehmer keine Schulferien, sondern nur den gesetzlichen Urlaub hatten - wurden sie zu staatlich anerkannten Erziehern ausgebildet, berichtet die Projektverantwortliche Heike Harder. „20 werden im Sommer ihre Ausbildung abschließen. Nur einer musste aufgeben, aus gesundheitlichen Gründen.“ Die Kita-Betreiber und die Teilnehmer seien sehr zufrieden mit dem Projekt und es gebe zahlreiche Bitten um Weiterführung. Mehr als 100 Bewerbungen lägen vor. Rund 20 Kita-Träger hätten sich bereiterklärt, Erzieher-Azubis einzustellen. „Doch es geht nicht weiter, weil das Land in den vergangenen drei Jahren nicht die gesetzlichen Grundlagen dafür geschaffen hat“, bedauert Harder. Dabei zeige die steigende Zahl der Ausnahmegenehmigungen durch das Landesjugendamt, dass großer Bedarf bestehe. Es gebe im Land bereits Fälle, in denen Kita-Gruppen wegen Fachkräftemangels nicht aufgemacht werden können, obwohl es Räume und Anmeldungen von Kindern gebe.

In der Landesregierung sei man trotzdem der Auffassung, dass es genügend Fachkräfte gebe und dass an den Fachschulen ausreichend ausgebildet werde. „Das ist aber ganz offensichtlich nicht der Fall“, sagte Harder. „Der Bedarf ist sehr, sehr hoch.“ Jörg Rabe vom Kommunalen Sozialverband drängte: „Die duale Erzieherausbildung sollte unbedingt vorangetrieben werden.“ Ein Sprecher des Bildungsministeriums in Schwerin verwies auf die Möglichkeit der berufsbegleitenden Erzieherausbildung in Mecklenburg-Vorpommern. An drei Standorten - Rostock, Stralsund und Schwerin - werde der vierjährige Bildungsgang für Seiteneinsteiger angeboten. Das Modellprojekt zur dualen Ausbildung der Diakonie sei aus fachlicher Sicht keine duale Ausbildung, es handele sich um eine berufsbegleitende Ausbildung. „Mecklenburg-Vorpommern hat neben Niedersachsen die Fachschulausbildung zur Erzieherin/zum Erzieher von drei auf zwei Jahre verkürzt“, sagte Ministeriumssprecher Henning Lipski.

zur Startseite

von
erstellt am 29.Mai.2016 | 21:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen