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Frust in der Urlaubsregion : Verkehrschaos an der Fledermaus-WG

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Nach der Sperrung der Petersdorfer Brücke sorgt sich Plau um seinen Ruf. Lkw-Verkehr soll großräumig umgeleitet werden

svz.de von
erstellt am 15.Mai.2015 | 08:00 Uhr

Sie ist nicht schön, im langweiligen Grau, hat Streifen von der Betonverschalung, dafür aber ein Vordach und den Blick auf den idyllischen Petersdorfer See: Europas größte Fledermaus-WG. Ein Betonbau, zehn mal zehn Meter, direkt an der Autobahn 19 – das neue Zuhause für acht verschiedene Fledermausarten, die sich hier nahe Malchow direkt unter einer der meistbefahrenen Straßen in MV angesiedelt haben, schwärmt Ronald Normann: „Ein besseres Quartier als im Widerlager der Brücke“, meint der Chef des Autobahn-Amtes Güstrow. Dort leben hunderte Zwerg-, aber auch Wasser- und Rauhautfledermäuse – eine der größten Kolonien weit und breit. Doch der Neubau der Petersdorfer Brücke zwingt die Säugetiere ins neue Quartier – in der 500 000 Euro teuren Fledermaus-WG mit zwei Stockwerken.

Stress an der Leitplanke: So sehr es sich die Fledermäuse im neuen Quartier auch bequem machen, so unbequem haben es Auto- und Lkw-Fahrer, Urlauber und Anwohner. Seit die Straßenbauer bei Vorbereitungsarbeiten für den ab September geplanten Baubeginn der westlichen Teilbrücke weitere Schäden entdeckt haben, ist auf der wichtigen Nord-Süd-Trasse und der eingerichteten Umleitungsstrecke das Chaos ausgebrochen. Drei Millimeter tiefe Risse hatten die Brückenbauer beim Anschweißen zusätzlicher Stahlplatten an den 14 Millimeter dicken Trägerwänden der Petersdorfer Brücke entdeckt – Vollsperrung für Lastkraftwagen seit Ende April, für alle Fahrzeuge über 3,5 Tonnen und breiter als 2,10 Meter eine Woche später – kein Durchkommen für Wohnmobile und -wagen. Selbst Pkw dürfen nur noch mit 30 km/h über die 264 Meter lange Brücke schleichen. „Wir mussten die Reißleine ziehen“, verteidigt Verkehrs-Staatssekretärin Ina-Maria Ulbrich bei einem Krisentreffen zu Wochenmitte in Plau. Lkw würden die Brücke 40 000-mal stärker belasten als Pkw. Ohne Sperrung für Lkw hätte womöglich auch bald kein Pkw mehr über die Brücken fahren können, warnt Ulbrich – die schlechteste Lösung. Zu groß wäre die Gefahr, warnen Brückenexperten, dass durch weitere Erschütterungen die Risse größer werden. Nach nur etwa 40 Jahren ist die mit dem Autobahnbau in den 70er-Jahren errichtete Stahlträgerbrücke Schrott. 36 Millionen Euro steckt der Bund in den Ersatzneubau, 2018 soll er stehen. In Kürze sollen die Aufträge vergeben werden, heißt es im Verkehrsministerium. Zuvor aber müsse das östliche Brückenteil für 700 000 Euro so verstärkt werde, so dass ab Herbst auf den beiden Fahrspuren der gesamte Nord-Süd-Verkehr fahren kann – Ausgang ungewiss, weitere Überraschungen nicht ausgeschlossen.

Andrang auf der Trasse an die Küste: 20 000 Fahrzeuge nutzten die Überführung bislang, in Spitzenzeiten deutlich mehr. Tausenden Lkw bleibt der Weg aber versperrt – 22 Kilometer Umleitung über die Bundesstraßen 198, 103 und 192, durch Tourismusorte wie Plau am See und Alt-Schwerin, an Campingplätzen, Kliniken vorbei. Für Plaus Bürgermeister Norbert Reier ein Graus. Seitdem quält sich der Verkehr durch den Luftkurort – 1500 Lkw statt bisher 800 täglich, ergaben Verkehrszählungen: „Und wir stehen erst am Anfang der Probleme“, warnt der Stadtchef. Die Hauptsaison komme erst noch. Lärm, für Fußgänger und Radfahrer gebe es kaum noch ein Durchkommen – die Beschwerden mehren sich. Eine Stadt fürchtet um ihren guten Ruf.

Der Frust wächst: Inzwischen bahnten sich Lkw aber auch Busse auf der Suche nach Ausweichstrecken selbst durch die enge Altstadt im nahen Malchow ihren Weg und suchen die Überfahrt über die erst vor wenigen Jahren sanierte, für den Schwerlastverkehr nicht ausgelegte Drehbrücke in der Innenstadt, erzählt Katrin Müller von der Malchower Touristen-Information: „Der Verkehr hat deutlich zugenommen.“ Auch entlang des Campingplatzes an der Bundesstraße 192 am Plauer See: Platzbetreiber Michael Hecht fürchtet ums Geschäft. An diesem langen Wochenende zu Himmelfahrt würden viele Gäste Ausschau nach einem Platz für den Sommerurlaub halten. Doch bei einem derartigen Verkehrschaos – „dann bleiben die Gäste weg“, glaubt Hecht.

Ein Ende ist kaum in Sicht: Inzwischen haben die Schweriner Verkehrsplaner großräumige Umleitungsstrecken für Lkw im Nord-Süd-Verkehr zugesagt – ab sofort über die A 11 und 20 Richtung Rostock, mit Fertigstellung des neuen Autobahnkreuzes an der A24 und 14 südlich von Schwerin Ende Juni auch über diese Pisten und die A 20 Richtung Rostock, kündigt Ulbrich an. Über weitere Geschwindigkeitsbeschränkungen solle nach Verkehrszählungen entschieden werden. Schaltzeiten der Ampel seien angepasst worden, weitere Ampellösungen aber nicht möglich.

Entspannung wird die großräumige Umleitung des Lkw-Verkehrs aber kaum bringen: „Das kostet die Spediteure Geld und Zeit“, meint Norbert Voigt: „Wer soll das bezahlen“, fragt der Chef des Landesverbandes des Verkehrsgewerbes. Solange keiner für die Kosten aufkomme, wären die Spediteure kaum bereit sein, noch längere Umwege zu fahren.

Die Fledermäuse stört das indes nicht – Umzug der Flugtiere: Die Säuger vom Petersdorfer See haben sich auf den Weg gemacht – durch einen eigens installierten, 1,20 Meter dicken Durchflugschacht zwischen Widerlager der Brücke und der neuen WG. Bis zum Sommer müssen sie umgezogen sein, meint Autobahn-Chef Normann. Spätestens Ende Mai, wenn die Fledermäuse mit der Aufzucht der Jungtiere beginnen, wird es sich zeigen. Doch die Straßenbauer sind optimistisch. Alles andere würde den dringend notwendigen Brückenneubau um Jahre verzögern – und den Staufrust in Plau noch vergrößern. „Eine Totalsperrung der Brücke bis 2018 – das geht gar nicht“, meint Bürgermeister Reier.

 

 

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