Teemanufaktur in Papendorf : Tee vom "Ende der Welt"

Drachenkopf und Venusmond: Die Geschäftsführerin der Teemanufaktur Kräutergarten Pommerland, Christiane Wilkening, mit einer ihrer KreationenStefan Sauer
Drachenkopf und Venusmond: Die Geschäftsführerin der Teemanufaktur Kräutergarten Pommerland, Christiane Wilkening, mit einer ihrer KreationenStefan Sauer

Ein ABM-Projekt mit Kräutern bildete im vorpommerschen Papendorf die Keimzelle für ein neues Unternehmen. Die Teemanufaktur verkauft heute deutschlandweit 180 000 Teepackungen und beschäftigt zehn Mitarbeiter.

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07. Mai 2013, 09:49 Uhr

Pulow/Lassan | Zitronenmelisse, Malve, Huflattich oder Brennnesssel? Simone Schaefer kann bei einem Gang durch den Duft- und Tastgarten in Papendorf bei Lassan zu jeder Pflanze Wirkstoffe, Heilwirkung und Geschmack benennen. "Die Süßdolde war früher der Zucker der Armen", sagt sie und beugt sich zur Pflanze auf dem Kräuterbeet herunter, rupft einen Stängel vom Strauch und kaut genüsslich auf den Blättern. 400 verschiedene Kräuter wachsen auf einem Hang am Ortsrand von Papendorf (Vorpommern-Greifswald). Ein Gang mit ihr durch Düfte und Geschmäcker der Kräuter gleicht einer Reise um die Welt.

Der Duft- und Tastgarten liegt quasi am Ende der Welt: hinter Anklam geht es nach Lassan und von dort eine holprige, mit Mirabellenbäumen gesäumte Straße in das Fünf-Häuser-Dorf. Die Gründung des Kräutergartens vor 20 Jahren war "eine Geste gegen die Resignation", sagt Schaefer. Wahrscheinlich wäre er längst verwildert, hätten die Papendorfer nach dem Auslaufen von ABM- und Ein-Euro-Job-Förderung nicht ehrenamtlich Hand angelegt - bis heute.

Die Arbeitslosigkeit ist auch heute noch hoch in der Region um Lassan. Weil qualifizierte Arbeitsplätze und Industrie fehlen, wanderten junge Leute ab in Richtung Westen. Die kleine Stadt am Peenestrom mit einst mehr als 2000 Einwohnern verlor seit der Wende ein Drittel ihrer Bevölkerung. Die Peeneland GmbH, ein großer Agrarbetrieb, dominiert mit inzwischen 6000 Hektar Land die Landwirtschaft um Lassan. "Großindustrie werden wir hier nicht haben", sagt Lassans Bürgermeister Fred Gransow.

Doch der kleine Duft- und Tastgarten erwies sich als tragfähige Keimzelle für eine neues Unternehmen. Denn im Gegenzug zu den jungen Pommern, die aus Frust ihre Heimat verließen, zogen Menschen in die Region, die in der vermeintlichen Einöde ihre Zukunft suchten. Argwöhnisch von den Alteingesessenen beäugt, gründeten sie 2001 die Kräutergarten Pommerland eG in Pulow, eine Teemanufaktur. "Wir hatten die Idee, etwas aufzubauen, was uns und anderen Arbeit gibt", sagt Geschäftsführerin Christiane Wilkening. Basis sind die Kräuter, die zunächst im Duft- und Tastgarten, später auf Gemeindeflächen wuchsen.

Inzwischen werden Kräuter wie Zitronenmelisse, Orangenminze oder Johanniskraut auf zehn Hektar Land um Pulow geerntet. Getrocknet und bunt gemischt mit Ringel- oder Kornblumenblüten verkauft die Genossenschaft die Kräuter als Biotees mit phantasievollen Namen wie "Drachenkopf" oder "Venusmond" in ganz Deutschland. Zu den Abnehmern gehören Bioladen-Ketten, aber auch der konventionelle Lebensmittelhandel. Der Umsatz stieg Firmenangaben zufolge von 2011 auf 2012 um 25 Prozent - auf 430 000 Euro. Rund 180 000 Teepackungen wurden verkauft. Inzwischen arbeiten zehn Mitarbeiter in dem Unternehmen, in der Mehrzahl Alt-Pulower. "Alles sozialversicherungspflichtige Jobs", heißt es. Zu den Löhnen gibt es aber keine Angaben.

Neben der Teefirma haben sich andere Kleinunternehmen angesiedelt: ökologische Landwerkstätten, eine Gongschmiede, eine Metallwerkstatt."Pulow ist ein kleines Gewerbegebiet geworden", sagt der Bürgermeister. Knapp 20 Leute arbeiten inzwischen dort.

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