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Tierschutzverstöße : Skandal im Stall schadet dem Ruf

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

62 Verstöße in Straathof-Anlagen festgestellt / Verbleib von 3700 Tonnen belastetem Bio-Futter in Europa nicht aufgeklärt

svz.de von
erstellt am 15.Dez.2014 | 20:36 Uhr

Verstöße gegen Tierschutzregeln, Fehler bei Tierarzneigaben, pestizidbelastetes Öko-Futter: Nach den jüngsten Skandalen in großen Schweinemast- und Geflügelställen in MV scheint das Ausmaß der Vergehen größer zu sein als bisher bekannt. So sei gegen die in der Kritik stehenden Straathof-Gruppe in MV in 62 Fällen wegen Tierschutzverstößen ermittelt und Bußgelder in Höhe von 172 000 Euro verhängt worden, teilte Agrarminister Till Backhaus (SPD) gestern in Schwerin mit. Die 17 Unternehmen zählende Firmengruppe des niederländischen Unternehmers Adrianus Straathof betreibt in MV drei Schweinezuchtanlagen – in Alt Tellin und Medow im Landkreis Vorpommern-Greifswald und Fahrbinde im Landkreis Ludwigslust-Parchim. Straathof gilt als einer der größten Schweinezüchter Europas. In Alt Tellin seien in 41 Fällen Verstöße festgestellt worden. Straathof überschreite immer wieder „die rote Linie“, so Backhaus: „Er macht es immer wieder.“ Nach permanenten Tierschutz-Verstößen war erst Anfang Dezember in Sachsen-Anhalt gegen Straathof quasi ein Berufsverbot verhängt und ein Tierhaltungsverbot ausgesprochen worden. Behörden hatten dort Bußgelder in Höhe von 2,4 Millionen Euro verhängt. In MV sei zwar auch eine Reihe von Verstößen festgestellt worden, für ein entsprechendes Tierhaltungsverbot reichten die Fakten gegen Straathof in MV aber noch nicht aus, sagte Backhaus. Erst im Frühjahr hatte die Staatsanwaltschaft Neubrandenburg wegen angeblich illegaler Ferkeltötungen in einem Straathof-Betrieb in Alt Tellin ermittelt, die Untersuchungen aber später eingestellt.

Indes ist auch das Ausmaß des Öko-Futterskandals in Ställen der Erzeugergemeinschaft Fürstenhof noch nicht abschätzbar. Der Eierproduzent mit zwölf Bio-Betrieben in MV und Brandenburg hatte pestizidbelastetes Futter an Öko-Hühner verfüttert, das den Grenzwert um das bis zu 75-Fache überschritten hatte, erklärte Backhaus. Fürstenhof wurde mit einem sechswöchigen Vermarktungsverbot für Bio-Eier belegt. Insgesamt seien 300 Tonnen des belasteten Futters aus der Ukraine über Rotterdam nach MV geliefert worden. Der Verbleib von 3700 Tonnen der Lieferung in anderen europäischen Länder sei aber noch immer nicht geklärt, kritisierte Backhaus.

Die Skandale in den Straathof- und Fürstenhof-Ställen fallen indes auf alle Agrarbetriebe im Land zurück. „Einige dominante Landwirtschaftsbetriebe stellen den Ruf einer ganzen Branche infrage“, sagte Backhaus. Es müsse auch der Berufsstand aktiv werden und sich von den „Straathofs distanzieren“. Im Zusammenhang mit der Kritik an großen Tiermastanlagen in MV plädierte Backhaus für die Einführung von Tierobergrenzen und eines Tüv für Tierhaltungssysteme. Dazu erwarte er vom Bund im kommenden Jahr entsprechende Entscheidungen. Je Standort sollten nicht mehr als 500 Sauen oder 800 Milchkühe in Betrieben mit eigenen Ackerflächen gehalten werden, sagte er: „Reine Intensivhaltungsanlagen wollen wir nicht mehr.“ Auf Obergrenzen für die Schweinemast und Geflügelhaltung wollte er sich nicht festlegen. Er warnte aber davor zu glauben, in kleineren Ställen sei der Tierschutz per se besser. „Es geht nicht darum, ob Ställe groß sind, sondern darum, wie Menschen mit Tieren umgehen“, sagte Backhaus. Das Tierwohl hänge von handelnden Personen ab.

Backhaus hatte nach angeblich illegalen Tötungen in einer Schweinezuchtanlage der Straathof-Gruppe in Alt Tellin erst Anfang 2014 eine Offensive für mehr Tierschutz gefordert – fast ein Jahr später ist davon nicht viel geblieben. Künftig sollen Tierhalter verpflichtet werden, in großen Schweine- und Geflügelställen Tierschutzbeauftragte einzusetzen, hatte er im Januar angekündigt. In der Verbraucherschutzministerkonferenz, die in diesem Jahr unter Backhaus Vorsitz tagte, scheiterte er allerdings bislang mit einer entsprechenden Initiative. Noch gebe es keine Tierschutzbeauftragten, musste Backhaus gestern eingestehen.

 

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