Handwerk : Schritt für Schritt zum Schuhmacher

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Denny Grygorasz möchte einen traditionellen Handwerksberuf erlernen – in Mecklenburg-Vorpommern ist er einer von nur sieben Auszubildenden in seinem Gewerk

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24. März 2014, 11:43 Uhr

Sein erstes selbst hergestelltes Paar Schuhe wird der Schuhmacher-Lehrling Denny Grygorasz nicht so schnell vergessen. „Es ist ein Paar eleganter schwarzer Herrenschuhe, die ich schon zu einem Anzug getragen habe. Aber nur zu besonderen Anlässen, schließlich ist das mein eigener Schuh und den muss ich pflegen“, sagt der 20 Jahre alte Rostocker. Traditionelle Handwerksberufe wie Glasbläser, Kürschner, Uhrmacher, Stukkateur und eben auch der Schuster drohen auszusterben, da immer weniger Jugendliche eine derartige Ausbildung wählen. „Ich schätze, dass einige junge Menschen vor der doch körperlichen Arbeit zu großen Respekt haben“, so Thomas Drenckow, Sprecher der Arbeitsagentur Rostock.


Ein gutes Gefühl beim ersten eigenen Schuh


Das selbst gebaute Paar Schuhe habe Denny Grygorasz in der Berufsschule hergestellt, um ein Gefühl für die praktische Arbeit zu bekommen. Zuerst musste er seinen Fuß genau vermessen, dann die Ergebnisse schriftlich verarbeiten. „Auf dieser Grundlage habe ich den Leisten gemacht, der die Maße meines Fußes hatte. Die Teile des Schuhs wurden darauf aufgebaut.“ Auf der unteren Seite des Leistens habe er sorgfältig die Sohle befestigt. Die beiden Endteile wurden anschließend mit Zwickzangen über den Leisten gespannt. Schließlich wurden die Lederstücke vernäht und Dennys erster eigener Schuh war fertig.

„Ich war irgendwie total stolz auf diese selbst gebauten Schuhe. Es hat sich gut angefühlt, das Ergebnis in den Händen halten zu können – und auch an den Füßen zu sehen.“ Genau aus diesem Grund habe er sich für die Ausbildung entschieden. Weil er in diesem Beruf etwas Greifbares und für seine Kunden Nützliches herstellt. „Man muss viel Fingerfertigkeit haben und gut mit naturellen und widerspenstigen Materialien arbeiten können. Es ist eine wirklich anspruchsvolle Arbeit, macht aber jeden Tag Spaß.“ Zudem habe er dabei ein gutes Gefühl, schließlich trägt jeder Schuhe und durch den Gebrauch gehen die auch mal kaputt und müssen repariert werden.


Nur 45 neue Lehrlinge bundesweit


Dennoch wählen immer weniger Jugendliche diesen Beruf. Das geht aus Zahlen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) hervor. Gab es im Jahr 2011 noch 45 Ausbildungsanfänger bundesweit, waren es 2012 nur 33. Zu Beginn der Aufzeichnung 1995 waren es 213.

In Mecklenburg-Vorpommern gibt es zurzeit sieben Schuhmacher-Lehrlinge. Zwei Jugendliche sind zum vergangenen Ausbildungsstart hinzugekommen, das ist eine Veränderung zum Vorjahr von 40 Prozent. „Das zeigt, dass ein generelles Interesse der Jugendlichen an diesem Beruf vorhanden ist“, sagt der Arbeitsagentur-Sprecher.

Jedoch unterstreicht er, dass sich diese Zahlen nicht nur auf die reine Schuhmacher-Ausbildung beziehen, sondern auch die Orthopädieschuhmacher mitzählen. Das Leistungsspektrum dieses Berufes umfasst alle schuhtechnischen Maßnahmen zur Erhaltung, Förderung und Wiederherstellung der Fußgesundheit. „Ich denke, dass es für die traditionellen Handwerksbetriebe schwer ist, ihren Nachwuchsbedarf über das gesamte Jahr zu kalkulieren und sich auf die aktuellen Entwicklungen und Nachfragen einzustellen. Vor allem die kleineren Betriebe müssen nach ihrer Auftragslage rechnen, und für diese ist das sehr schwer.“


Neuerdings Fachwissen über Muskulatur


Ein ähnliches Bild zeigt sich in der Lehrlingsklasse von Denny Grygorasz in Lübeck. In seiner Klasse sind vor allem Azubis aus Norddeutschland. Er ist einer von fünf Schuhmacher-Auszubildenden. „Die meisten lernen Orthopädieschuhmacher. Trotz meiner klassischen Ausbildung muss ich einige Fachbegriffe zur Muskulatur und dem Körperbau des Menschen wissen.“ Das Lernpensum dafür sei zwar zeitaufwendig, allerdings merke er, dass er es schon jetzt in seinem Beruf gebrauchen kann. „Viele meiner Arbeitskollegen wundern sich immer, dass ich das lernen muss. Aber wir stellen auch Einlagen für unsere Kunden her, und durch die Ausbildung verstehe ich vieles im täglichen Geschäft besser.“ In seinem Ausbildungsbetrieb, „Gesundschuh“ in Rostock Lütten Klein, werden neben orthopädischen Einlagen auch orthopädische-, maßgefertigte und Arbeitsschuhe zusammengebaut.

Der Betrieb ist eine Art gläserne Manufaktur. „Durch den direkten Blick auf unsere Arbeitsflächen wollen wir Kunden und Spaziergängern Einblicke in die Arbeit des Schuhmachers ermöglichen“, sagt Michael Kluth, Werkstattleiter. Neuerdings gebe es auf der Internetseite sogar Live-Aufnahmen aus der Werkstatt. „Alle 20 bis 30 Minuten macht eine Kamera ein Foto von der Arbeit und stellt dieses direkt ins Netz.“

Nicht nur Kunden wollen sie gewinnen, sondern auch Auszubildende stellt der Betrieb regelmäßig ein. Insgesamt sechs Sitze hat das Unternehmen. „Wir versuchen neue Schuhmacher auszubilden, um diese zu halten“, sagt Kluth. Er vermerke vorallem in der Ausbildung zum Orthopädieschuhmacher, dass sich sehr viele junge Frauen dafür entscheiden. Denny ist durch einen Zufall auf diese Ausbildung gekommen: „Mein Vater ist Kunde hier und hat einen Aushang für die Lehre gesehen.“ Spontan habe er sich beworben, wurde zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen, hat eine Woche Probearbeiten absolviert und wurde eingestellt. „Und ich genieße die Arbeit jeden Tag.“

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