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Interview : „Schiffe für den Umwelt- und Küstenschutz werden gebraucht“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Vom Musterschüler zum Sorgenkind: Reinhard Lüken warnt Mecklenburg-Vorpommern davor, den Standort Stralsund leichtfertig aufzugeben und zeigt neue Märkte auf

Der Verband für Schiffbau und Meerestechnik warnt davor, den Schiffbaustandort Stralsund aufzugeben. Martina Rathke spracht mit Verbandschef Reinhard Lüken über Stralsunds Chancen im Spezialschiffbau.

Ist angesichts der schwierigen Lage des deutschen und weltweiten Schiffbaus noch Platz für einen Schiffbaustandort Stralsund?

Lüken: Ja absolut. Wir haben in Deutschland in den vergangenen 20 Jahren gewaltige Kapazitäten abgebaut. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht noch mehr verlieren.

In welchen Märkten kann sich Stralsund bewegen und behaupten?

Im Spezialschiffbau, wo sich auch andere deutsche Werften bewegen. Die Förderung von fossilen Energieträgern wird zunehmend vom Land in den Offshore-Bereich wechseln. Die Bedeutung der Meere als Nahrungsquelle wird wachsen. Schiffe für den arktischen Bereich und Umwelt- und Küstenschutz werden gebraucht.

Den Wandel zum Spezialschiffbau hatte Stralsund bereits versucht, ist aber daran gescheitert.

Die Gefahr besteht immer, dass man sich an dem unternehmerischen Risiko verschlucken kann. Das ist Stralsund passiert. Das hat etwas mit der Unternehmensführung zu tun. Für Fehlentscheidungen in der Wirtschaft wird man bestraft. Stralsund ist eine tolle Werft, und man sollte die Anlage auch für den Zweck nutzen, für den sie gebaut wurde. Man kann in einem Fußballstadion auch Brettspiele machen – eine optimale Nutzung ist das nicht.

Wie muss der neue Eigner in Stralsund agieren, um erfolgreich sein zu können?

Ein Neustart von Stralsund als Stand-alone-Lösung wäre schwierig. Aber es gibt für Stralsund mit Nordic Yards einen Interessenten, der bewiesen hat, dass er es sehr gut kann. Nordic hat sich sehr gut entwickelt, hat auf kleinerer Basis begonnen, hat sich nicht den Hof voll gemacht mit Aufträgen und hat profitabel gearbeitet. Das ist genau die Art und Weise, wie es in Stralsund gehen muss.

Wie beurteilen Sie die politische Diskussion um den Schiffbau in MV?

Wir machen uns große Sorgen. Die Politik in Mecklenburg-Vorpommern war mal ein Musterschüler in Sachen Schiffbau, jetzt ist sie unser Sorgenkind. Man darf nicht nur auf die ausgefallenen Bürgschaften blicken, sondern muss den Strich unter die Rechnung machen. Vergessen werden die Einnahmen aus Steuern, Sozialabgaben und aus den millionenschweren Bürgschaften, wenn diese nicht fällig werden. Und das ist der Regelfall. Die meisten Leute glauben, dass Bürgschaften eine Subvention sind. Der Staat verdient Geld, indem er Bürgschaften ausgibt. Aber Bürgschaften sind eine Risikoabsicherung und manchmal beißt das Risiko zu. Man hat den Eindruck, dass in MV die Politik die Lust auf Schiffbau verloren hat. Die Menschen haben die Lust auf Schiffbau nicht verloren.

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erstellt am 21.Jan.2014 | 00:34 Uhr

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