Frauen im Handwerk : Schätzchen steigt Leuten aufs Dach

Ulrike Schätzchen an ihrem Lieblings-Arbeitsplatz
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Ulrike Schätzchen an ihrem Lieblings-Arbeitsplatz

Ulrike Schätzchen ist eine von zwei Dachdeckerinnen in MV: Sie wollte Physiotherapeutin werden, führt aber jetzt die Firma ihres Vaters.

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28. Juli 2015, 21:00 Uhr

Beinahe wäre Ulrike Schätzchen Physiotherapeutin geworden. Aber sie entschied sich anders und führt die Dachdeckerei Krüger in Crivitz weiter, die schon ihr Opa und ihr Vater betrieben hatten. Ganz geradlinig war der Weg jedoch nicht. Gleich nach dem Krieg wurde die Firma gegründet, bis 1979 geführt vom Großvater. Als der starb, übernahm sein Sohn – aber nur für kurze Zeit. Dann musste er den Privatbetrieb aufgeben, denn solche waren zu DDR-Zeiten nicht gern gesehen. Zwar machte er 1984 seinen Meisterabschluss, durfte sich aber trotzdem nicht selbstständig machen. Erst 1990 war die Gelegenheit zur Neugründung da. Als er 2003 krank wurde, war seine Tochter Ulrike schon auf dem Weg zu ihrem eigenen Meisterbrief. Ein Jahr später gründete sie die Dachdeckerei wiederum neu. Der Name Krüger stand in Crivitz und Umgebung in all den Jahren für dieses Handwerk.

Angefangen hatte alles mit einem Ferienjob. „Wenn ich als Schülerin Geld brauchte, habe ich bei meinem Vater gearbeitet“, schaut die 33-Jährige zurück. „Bretter streichen – das habe ich viel gemacht, darauf hatte sonst keiner Lust.“ Sie fand Gefallen an dem Beruf, ging deshalb bei ihrem Vater in die Lehre - und das, obwohl er der Meinung war, der Beruf sei zu schwer für eine Frau. Inzwischen wartet er nicht mehr darauf, dass seine Tochter den Job aufgibt, sondern beobachtet, wie sie sein Handwerk weiterführt. 2002 heiratete sie ihren Freund, mit dem sie schon seit der Lehrzeit zusammen war. Inzwischen arbeitet auch er mit auf dem Dach – neben vier Angestellten. Die Tage der Meisterin vergehen mit Aufmaßen, Baubesprechungen, Ausschreibungen, Sitzungen. Ulrike Schätzchen ist im Vorstand der Dachdecker-Innung aktiv, ist Mitglied in den Prüfungskommissionen für Gesellen und für Meister. Wie viel Zeit bleibt bei all diesen Verpflichtungen noch für die Arbeit auf dem Dach? „Zu wenig. Mehrmals die Woche würde ich mir wünschen.“ Denn auch für ihre beiden Kinder möchte die Meisterin ja noch Zeit finden.

Die Firma kümmert sich um alle Dächer außer von Industriebauten – es können Kirchen, Villen oder Mehrfamilienhäuser sein. Manchmal sind es Neubau-Projekte, oft aber auch Reparaturen oder Umbauten. Mittlerweile verbringt die Chefin immer mehr Zeit im Büro, denn die Bürokratie wird nicht weniger. Überhaupt seien solche Berufe durchaus unsicher, meint sie. „Die Zahlungsmoral der Kunden ist oft schlecht – für Selbstständige ein großes Risiko. Außerdem passieren auf dem Bau die schwersten Arbeitsunfälle. Insgesamt ist es mir wichtig, die Aufträge gut zu planen, inklusive Pufferzeiten. Manches bleibt ja dennoch unwägbar, zum Beispiel das Wetter.“ Trotz allem liebt Ulrike Schätzchen ihre Arbeit sehr. „Wer kann schon an einem Morgen im Frühsommer auf einem Dach stehen und über das Warnowtal schauen, während der Nebel sich lichtet und die Vögel zwitschern? Andere müssen ins Büro und verpassen, was da draußen geschieht.“ Manchmal sei es auch der faszinierende Blick von der Kirche, deren Dach repariert wird. „Und zwischendurch arbeitet man dann auch mal.“ Sie lacht. Immer wieder kommt sie an Gebäuden vorbei, auf denen sie schon gearbeitet hat. In ihrem Beruf besonders behandelt zu werden, nur weil sie eine Frau ist – das wollte Ulrike Schätzchen nie. Die meisten Arbeiten kann sie körperlich problemlos bewältigen. Und auf der Baustelle halten sich die Männer mit ihren Sprüchen auch nur die ersten paar Tage zurück. „Das ist in Ordnung so“, sagt sie und lacht wieder. 

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