Bogenschießen : Pfeilbauer in der alten Zuckerfabrik

Pfeilbauerin Kerstin Voigt baut in der Firma Bogensportwelt Anklam  Pfeile für Bogenschützen.
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Pfeilbauerin Kerstin Voigt baut in der Firma Bogensportwelt Anklam Pfeile für Bogenschützen.

Mit dem Bau von Pfeilen für Bogensportler hat ein Anklamer Unternehmen ins Schwarze getroffen und sich an die deutsche Marktspitze katapultiert

svz.de von
27. Dezember 2013, 08:00 Uhr

Robin Hood hätte bei dem Anblick in die Hochregallager der Anklamer Bogensportwelt leuchtende Augen bekommen. Bis unter die Decke stapeln sich in der alten Anklamer Zuckerfabrik in unzähligen Fächern verschiedenste Pfeile - sortiert nach Holz- und Kunststoffart sowie dem jeweiligen Federbesatz. Der Laie ahnt: Der professionelle Bogensport ist hoch spezialisiert. „Mit dem Flitzebogen und den selbst geschnitzten Pfeilen aus Kindertagen hat das Bogenschießen nicht mehr viel zu tun“, sagt Sven Stiemer, neben Rene Kliewe einer der beiden Begründer und Inhaber der Bogensportwelt in Anklam.

Die beiden 33-Jährigen lernten sich während des Studiums der Wirtschaftsinformatik in Stralsund kennen. Damals vertrieben die beiden Hobby-Bogenschützen von ihrer Studentenbude aus Pfeile übers Internet. Dem folgte ein Firmen-Wachstum im Turbotempo. Der studentische Habitus aus Gründerzeiten ist geblieben. Statt in Schlips und Anzug dirigieren sie ihre Firma in Sweatshirt und Jeans.

Wer heute online Pfeile, Bögen oder Köcher kaufen will, den verweisen Online-Suchmaschinen als erstes auf die Seiten der Bogensportwelt (BSW). 45 Mitarbeiter, darunter sechs Pfeilbauer, arbeiten in der Anklamer Firma, präparieren Pfeile oder packen Bestellungen für den Versand. In einem Backsteinbau der alten Zuckerfabrik - einem charmanten Bauhaus-Industriebau aus der Gründerzeit - bestückt Pfeilbauerin Kerstin Voigt eine Reihe von etwa 50 Befiederungsgeräten mit Pfeilrohlingen aus Fichtenholz. Dann fixiert sie mit einem Spezialkleber jeweils drei naturfarbene Truthahnfedern an den Enden der Pfeile. Rund 300 Pfeile schafft ein Pfeilbauer so durchschnittlich am Tag. 80 Prozent der rund 300 000 bis 500 000 Pfeile, die jährlich die Anklamer Firma verlassen, werden von Pfeilbauern nach individuellen Kundenwünschen gefertigt.

Die Anklamer profitieren von einem Trend, der deutschlandweit immer mehr Anhänger findet. Rund 70 000 Bogenschützen sind nach Schätzungen des Deutschen Schützenbundes in Vereinen organisiert - knapp 20 000 mehr als vor zehn Jahren. Man könne den Sport in der freien Natur betreiben, sei nicht auf eine dunkle Schießhalle angewiesen, begründet Birger Tiemann, Sprecher des Deutschen Schützenbundes, das steigende Interesse. Anders als der traditionelle Schießsport mit der Pistole fällt der Bogensport zudem nicht unter das Waffengesetz. Reiseveranstalter bieten in Hotels Bogensport-Kurse an. In den Alpen locken 3D-Parcours mit Wildschwein und röhrendem Hirsch aus Plastik. „Viele Leute kommen aus dem Urlaub und wollen den Sport dann regelmäßig betreiben“, sagt Tiemann.

Die Unternehmen, die BSW Produktions GmbH und BSW Handels GmbH, gelten heute als deutschlandweiter Marktführer im Verkauf von Bogensportartikeln. Rund 150 000 Kunden haben die Anklamer seit Unternehmensgründung bislang beliefert, sagt Rene Kliewe. „Wir stießen im richtigen Moment in eine echte Lücke“, erinnert er sich.

Von den deutschlandweit 150 Händlern betrieb keiner eine professionelle Homepage. Nicht immer konnten die beiden Jungunternehmer mit der Nachfrage Schritt halten. „Auch wir hatten Wachstumsschmerzen“, sagt Co-Inhaber Stiemer. Mal reichten die Mitarbeiter nicht aus, um innerhalb der zugesagten Fristen liefern zu können. Dann wurde es im ersten Firmensitz in Karnin auf Usedom zu eng. Im Jahr 2009 zog das Unternehmen nach Anklam.

Im Obergeschoss der Bogensportwelt haben Kliewe und Stiemer eine Schießbahn für ihre Angestellten eingerichtet - für die Mittagspausen. Auch sonst entsprechen die beiden nicht dem typischen Bild eines vorpommerschen Unternehmers: Fördermittel haben sie nie in Anspruch genommen, ebenso wenig wie Existenzgründerhilfen vom Arbeitsamt. Die Bezahlung gilt als fair, sagen Mitarbeiter. Ob eine solche Wachstumsgeschichte heute noch möglich wäre? „Der Onlinemarkt heute ist viel umkämpfter“, sagt Kliewe. „Wir denken öfter daran, dass es auch wieder nach unten gehen könnte.“ Schon jetzt denken die beiden darüber nach, wie sie einem Einbruch der Umsatzzahlen begegnen könnten.


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