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Fahrplanänderung der Deutschen Bahn : Pendlerfrust am Bahnsteig

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Längere Fahrzeiten, schlechtere Züge: die Fahrplanänderung der Bahn sorgt bei Pendlern in MV für Ärger. Laut Online-Umfrage steigt jeder Dritte aufs Auto um.

svz.de von
erstellt am 10.Dez.2015 | 06:20 Uhr

Das hat sie nicht erwartet: Seit Jahren pendelt Monique Schlie mit der Bahn zur Arbeit. Eine Stunde mit dem Zug nach Hamburg – kein Problem, meint 29-Jährige. „Eine Stunde Fahrzeit hat man auch, wenn man in Hamburg wohnt und quer durch die Stadt fahren muss“, erzählt die Hagenowerin, die sich vor Jahren nach der Lehre in Hamburg ganz bewusst dafür entschieden hatte, wieder in die Heimat zurückzukehren. Doch das, was sie ab kommenden Montag erleben wird, macht die Hagenowerin nur noch sauer: Mit dem Fahrplanwechsel bei der Bahn kommen auf die Bankkauffrau und Tausende Berufspendler in MV deutlich längere Fahrzeiten zu. „Ich werde jeden Tag mehr als 40 Minuten länger im Zug sitzen“, erzählt Schlie: „Das sind über drei Stunden in der Woche“ – verlorene Lebenszeit auf dem Bahnhof.

Am Bahngleis macht sich Pendlerfrust breit: Schnelle Bahnverbindungen für Reisende aus MV in die Metropolregion Hamburg – Fehlanzeige. Trotz Millionen-Investitionen in schnellere Strecken und Millionenzuschüssen des Steuerzahlers müssen sich Reisende aus MV mit dem neuen Fahrplan auf längere Reisezeiten einstellen. Die Bahn mutet Fahrgästen auf einer der wichtigsten Pendlerstrecken im Land eine Bahnverbindung nach Hamburg zu, die mit attraktiven Verkehrsverbindungen nur noch wenig zu tun hat. Im Schnitt 15 Minuten längere Fahrzeiten im Regionalexpress RE 1 Rostock-Hamburg, mancher Zug braucht gar 20 Minuten länger. Eine unzumutbare Entscheidung, kritisiert Johann-Georg Jaeger, Verkehrsexperte der grünen Landtagsfraktion.

Kein Erstfall: Schon in den vergangenen Jahren habe sich die Fahrzeit zwischen Boizenburg und Hamburg im Schnitt um mehr als zehn Minuten verlängert, wird in einer Petition kritisiert. Mit bislang 1736 Unterschriften wehren sich darin Bahnreisende gegen die Fahrplanänderung. Es trifft nicht nur Hamburg-Pendler. So müssen auch die Regionalzüge zwischen Rehna und Parchim wegen der veränderten Fahrzeiten der Hamburg-Züge eine halbe Stunde eher starten. Auch die Nahverkehrszüge zwischen Ludwigslust und Wismar fahren später ab.

Pendler müssen damit offenbar vorerst leben. Die Bahn stellt den regionalen Nahverkehr hintenan und räumt ihren prestigeträchtigen ICE-Zügen in einem Vorfahrt ein. Brückenbauarbeiten im Zentrum von Hamburg vor allem aber Änderungen im Fernverkehr aus dem Süden zwingen die Regionalexpresszüge zu längeren Fahrzeiten. So seien mit der Einweihung der Neubaustrecke zwischen Erfurt und Leipzig künftig die ICE-Züge aus dem Süden Richtung Norden schneller unterwegs. „Der Fernverkehr hat Vorrang“, meint Bahn-Sprecher Burkhard Ahlert. Daher müsse der RE 1 in Büchen warten und den ICE überholen lassen, wirbt Ahlert um Verständnis. Bei Monique Schlie kann Ahlert mit seiner Erklärung nicht landen: „Die Strecke von Berlin nach Hamburg wird schneller gemacht, aber da pendelt doch kaum einer. Und wir Pendler haben dadurch die lange Wartezeit in Büchen“, ärgert sich Schlie.

Eine Frechheit, meint auch Klaus-Dieter Salemke. Vor 13 Jahren war der 64-Jährige aus Hamburg wegen der guten Bahnverbindung nach Boizenburg gezogen. Doch seit Jahren sei das Angebot immer schlechter geworden. Nun die längeren Fahrzeiten: „Unter diesen Voraussetzungen würde ich mich heute nicht mehr für Boizenburg entscheiden.“

Mit Monique Schlie und Klaus-Dieter Salemke bekommen Tausende Pendler in MV die Bahnentscheidung zu spüren. Einer Umfrage der Online-Ausgabe dieser Zeitung unter 120 Betroffenen zufolge sind mehr als 70 Prozent stark von der Fahrzeitverlängerung betroffen. Viele erwarten Ärger im Job, weil sie erst später ihren Arbeitsplatz erreichen könnten. So rechnen mehr als 80 Prozent der Teilnehmer nicht mit einem Entgegenkommen ihres Chefs. Knapp zwei Drittel müssten daher Freizeit opfern und einen Zug früher nehmen, geht aus der Umfrage hervor.

Auch vom Land können die Pendler kaum Hilfe erwarten. Bei Verhandlungen mit der Bahn sei das Bestmögliche herausgeholt worden, erklärte Steffen Wehner, Sprecher des Verkehrsministeriums in Schwerin. Zumindestens für zwei Hamburg-Verbindungen seien kürzere Wartezeiten vereinbart worden. Ansonsten gelte der Verkehrsvertrag bis 2020. Veränderungen seien erst mit einer neuen Ausschreibung der Nahverkehrs auf der Hamburg-Strecke möglich.

Und so hat sich MV mit der Fahrplanentscheidung erneut von der Bahn am Waggonpuffer durchs Land ziehen lassen. Magere zwei direkte ICE-Verbindungen in MV, die einzige Landeshauptstadt ohne Schnellbahnanschluss, verschobene Investitionen auf wichtigen Strecken, ein auch nach 25 Jahren noch immer nicht fertiggestelltes Verkehrsprojekt Deutsche Einheit Nummer 1 Bahnlinie Lübeck - Stralsund: Die Bahn stellt den Norden immer öfter hinten an. Nun legt der Staatskonzern noch einen drauf. Schon jetzt kassiert die Deutsche Bahn den größten Teil des jährlich vom Land für 240 Millionen Euro bei Verkehrsunternehmen bestellten Nahverkehrs auf der Schiene. Künftig lässt sich die Bahn die schlechteren Leistungen auf der Hamburg-Strecke von MV und Schleswig-Holstein auch noch zusätzlich vom Steuerzahler bezahlen. So müssten wegen der verlängerten Fahrzeiten zusätzliche Fahrzeuge eingesetzt werden – mit schlechterem Komfort und nur mit einer Geschwindigkeit bis 120 statt 160 km/h unterwegs, teilte das Verkehrsministerium mit. Die Mehrkosten müssten die Länder tragen.

Das wird Konsequenzen haben. Die Entscheidungen seien „nicht akzeptabel“, kritisierte der Grünen-Fraktionschef im Landtag, Jürgen Suhr: „Es sind Verträge abgeschlossen worden, die es der Bahn ermöglichen, willkürlich bei Fahrplanänderungen Kosten abzuwälzen.“ Wenn die in dem Verkehrsvertrag zu bestimmten Kriterien vereinbarten Leistungen derart unattraktiv würden, sei der ganze Verkehrsvertrag in Frage gestellt. Suhr forderte von Verkehrsminister Christian Pegel (SPD), die berechtigten Ansprüche des Landes einzufordern und die Verträge nachzubessern, statt sich wie bisher „deutlich zu passiv“ der Bahn zu ergeben. Bisher würde sich „die Landesregierung wehrlos dem Diktat der Bahn unterwerfen“. Die Grünen wollten die Auswirkungen der Fahrplanänderung im Januar noch einmal im Landtag zur Sprache bringen.

Berufspendler in MV ziehen ihre Konsequenzen: Die ersten Fahrgäste hat die Bahn verloren. 30 Prozent der Teilnehmer unserer Online-Umfrage gab an, wegen der längeren Bahnfahrzeiten künftig mit dem Auto fahren zu wollen.

 

 

 

 

 

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