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Internet versus Fachhandel : Onkel Eisenbahn geht online

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Das Internetgeschäft setzt dem Fachhandel zu – wie dem Modellbahnladen von Michael Bubert / Der 56-Jährige verkauft jetzt selbst im Netz

svz.de von
erstellt am 10.Feb.2015 | 12:00 Uhr

Er wollte schon fast wieder aufhören, kurz vor seinem dreijährigen Geschäftsjubiläum: Immer wieder kamen Kunden in das weit und breit einzige Modellbahn-Geschäft „Onkel Eisenbahn“ in der Schweriner Innenstadt, um die filigranen Modelle der Diesel- und Dampfloks, der Miniaturhäuser oder die Zubehörteile zu fotografieren, samt Preisangaben und Artikelnummern. „Nur gekauft haben sie nicht“, erinnert sich Michael Bubert: „Mancher hat stattdessen noch im Geschäft auf seinem Smartphone im Internet nach billigeren Angeboten gesucht“, ärgert sich der Einzelhändler. Andere kamen, um bei Onkel Eisenbahn Garantieansprüche von ferngesteuerten Modellautos durchzusetzen, die sie vorher zwar bei Bubert bestellt, später dann aber doch nicht beim Fachhändler, sondern lieber im Internet gekauft hatten. Für Bubert Arbeit, Zeit und Kosten – ohne dass seine Kasse klingelt.

Die Schnäppchenjagd im Internet setzt den Fachhandel unter Druck: Dabei hatte für Bubert alles so hoffnungsvoll begonnen. Seit fast drei Jahren ist der 56-Jährige sein eigener Chef – Neuanfang nach der Entlassung bei einer großen Spielwarenkette, nach Existenzgründerkurs, Schulung in Betriebswirtschaft, Marketing, Vertrieb und Kammerprüfung. „Die ersten beiden Jahre lief es recht gut“, erinnert sich Bubert. In der Jahresbilanz reichte es für eine „gute schwarze Null“ und dafür, die Kredite zu bedienen. „Die Nachfrage ist da“, meint der 56-Jährige. Rostock, Schwerin, Greifswald, Stralsund: Mecklenburg-Vorpommern zählt gerade noch eine Handvoll Geschäfte mit Modellbahnen im Angebot.

Stammkunden wissen Buberts Angebote zu schätzen – Produktneuheiten von allen Herstellern mit Rang und Namen, Reparaturen, Bestellungen, Ersatzteilservice. Die Treue der Stammkunden allein reicht Bubert aber nicht, seinen kleinen Fachmarkt weiterzuführen. Einkaufs-Apps auf dem Smartphone, Einkaufs-Boom im Internet: Seit immer mehr Kunden dazu übergehen, sich zwar beim Fachhändler beraten zu lassen, dann aber im Netz einzukaufen, wird Buberts Geschäft schwerer. „Der Trend hat sich in den vergangenen Monaten verstärkt“, erklärt der Geschäftsmann. Vor allem jüngere Käufer kehrten dem Fachhandel den Rücken. „Das ist eine Generationsfrage.“ 40- bis 50-Jährige bevorzugten die Beratung beim Händler, hat Bubert beobachtet. Jüngere seien dagegen „ständig im Netz und kauften dort ein, oft ohne die Zusatzkosten zu berücksichtigen.“ Seit die Geiz-ist-geil-Mentalität Einzug gehalten habe, würden etliche Kunden zwar gern die Beratung vor Ort nutzen, ansonsten aber bei Amazon & Co. einkaufen. „Da wird dann schon mal um 50 Cent gefeilscht, die die Ware im Netz billiger ist“, sagt Bubert: „Von der Beratung allein können Einzelhändler aber nicht leben.“

Im vergangenen Jahr klagte mehr als die Hälfte der Fachhändler in Deutschland bereits über sinkende Kundenzahlen, ergab eine Umfrage des Einzelhandelsverbandes. Der Online-Handel sei die größte Herausforderung für den Handel seit der Einführung der Selbstbedienung in den 30er Jahren, meinen Handelsexperten. Die ersten Berufskollegen ziehen inzwischen Konsequenzen: Die ersten hätten in Schweriner Geschäften das Fotografieren der Produkte samt Preisangaben und Artikelnummern in ihren Geschäften verboten, erklärt Bubert.

Umsatzzuwächse im Online-Handel, stockende Geschäfte am Verkaufstresen: Der Trend ist unumkehrbar, heißt es beim Handelsverband. Immer mehr Händler versuchen deshalb mit eigenen Internetangeboten auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Rund ein Viertel der stationären Händler sei inzwischen im Internet aktiv, ermittelte der Einzelhandelsverband. Wie Onkel Eisenbahn – Bubert vergrößert sein Ladengeschäft ins Internet. Eine eigene Internetseite sei inzwischen freigeschaltet, die ersten Kundenreaktionen eingegangen. Aktionen, Produktinformationen, neue Angebote: Einen zusätzlichen Vertriebsweg wolle er sich im Internet aufbauen. Zusammen mit Zusatzangeboten wie Spielenachmittagen für Kinder solle sein Angebot erweitert werden. „Ohne Online-Geschäft geht es nicht mehr“, meint Bubert. Doch dürfe der Einzelhandel das Internet nicht nur als Problem sehen: „Man muss sich drauf einlassen.“ Dann habe auch der Fachhandel wieder eine Chance. 

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