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Mecklenburg Vorpommern : Nicht alles gut im Gute-Laune-Land

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Geringe Löhne, viele Arbeitslose, kaum Leuchttürme / Regierung in der Pflicht

1. Mai – Tag der Arbeit. Doch was haben die Mecklenburger und Vorpommern von ihrer täglichen Arbeit? Glaubt man Ministerpräsident Erwin Sellering, so geht es stetig voran an der Küste. „Unsere Städte erstrahlen in neuem Glanz, die Arbeitslosigkeit ist auf dem niedrigsten Stand seit der Wende, wir bieten beste Lebensbedingungen...“, sagte Sellering zum Neujahrsempfang seiner Regierung am 13. Januar in Rostock. „Mecklenburg-Vorpommern hat weiter an Wirtschaftskraft gewonnen. Die Zahl der Arbeitslosen ist auf dem niedrigsten Stand...“, wiederholte er zur Regierungshalbzeit am 12. März. Auch heute im Interview mit unserer Zeitung viel Lob vom Regierungschef. Gute-Laune-Politik.

Der Ländervergleich wichtiger Kennziffern sagt etwas ganz anderes. Mecklenburg-Vorpommern trägt überall die rote Laterne. Seit Mitte der 90er hat der gesamte Osten einen Sprung nach vorne gemacht. Lag das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner 1991 in Ostdeutschland erst bei einem Drittel des westdeutschen Niveaus, sind im Jahr 2013 zwei Drittel erreicht, stellt Dr. Gerhard Heimpold vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle fest. Doch die Befunde sind ambivalent. Heimpold: „So weist beim BIP je Einwohner Mecklenburg-Vorpommern mit 22 800 Euro den geringsten und Sachsen mit 24 200 Euro den höchsten Wert auf.“

Im Norden fehlen die Leuchttürme. „Wir haben zu wenig Industriearbeitsplätze. Wäre BMW nach Schwerin gekommen, hätte sich automatisch rund um diesen industriellen Kern eine Entwicklung ergeben“, sagt Peter Günther, Präsident der Handwerkskammer Schwerin. Nur zehn Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes kommt aus der Industrie, in Bayern sind es 26 Prozent. Allein Rostock als boomende Region mit Leuchttürmen wie dem Kranbauer Liebherr ist zu wenig. „Die Produktivitätsentwicklung unserer Wirtschaft hängt im wichtigen Bereich des verarbeitenden Gewerbes immer mehr dem Bundestrend hinterher“, klagt Unternehmer-Präsident Hans-Dieter Bremer. Dafür kommt 16 Prozent der Wirtschaftsleistung im Tourismusland Nr. 1 aus dem Handel und Gastgewerbe. Wesentlich mehr als in anderen Ländern, so Dr. Margit Herrmann vom Statistischen Amt. Direkte Folge: Es gibt kaum gutverdienende Industriearbeiter, dafür aber ungewöhnlich viele vergleichsweise schlechtverdienende Kellner, Köche, Verkäufer... Ein Kellner kommt auf kaum mehr als 15 000 Euro im Jahr.

Das schlägt sich im Lohnvergleich der Länder direkt nieder. Einkommen müssen oft genug vom Staat aufgepäppelt werden. 48 000 Erwerbstätige sind neben ihrem Einkommen auf Hartz IV angewiesen, um zu leben. Darunter sind sogar 10 200 Menschen, die in Vollzeit arbeiten, und 3500 Selbstständige. Seit 2008 ist die Zahl der Erwerbstätigen um 20 000 auf 719 000 gesunken. Die Hälfte davon kleine Unternehmer, die aufgeben mussten. „Um das Zentrum unserer Wirtschaftsleistung weg vom steuerfinanzierten öffentlichen Sektor hin zum wertschaffenden Bereich zu verschieben, braucht es noch mehr industriepolitischer Anstrengungen“, mahnt Unternehmer-Präsident Bremer die Politik. Nicht alles gut im Gute-Laune -Land.

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erstellt am 30.Apr.2014 | 12:15 Uhr

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