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Tricks der Lebensmittelindustrie : Naturbelassen mit Kunstfarbe

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Täuschen, tricksen, irreführen: Verbraucher beschweren sich über mehr als 650 Produkte - Hersteller reagieren und ändern Produkte

svz.de von
erstellt am 27.Okt.2015 | 12:00 Uhr

Die Liste ist lang: Mozzarella-Pizza, in der mehr Edamer als Mozzarella enthalten ist, dänische Marmelade, deren Früchte aber gar nicht aus Dänemark kommen, eine Trinkschokolade, die mit Sahne wirbt, aber in der Zutatenliste keine Milchbestandteile enthält. In einem anderen Fall ließ ein Getränkehersteller Maracuja- und Mango-Früchte in Bild und Schrift dick aufs Etikett drucken, obwohl das Getränk laut Zutatenliste zu mehr als 80 Prozent aus Apfelsaft bestand, erzählt Stephanie Wetzel. Schummelalarm in Deutschlands Verkaufsregalen.

Täuschen, tricksen, irreführen – nicht zu knapp. Nahezu täglich gehen bei Verbraucherschützern Beschwerden ein – über fälschliche Kennzeichnung, irreführendes Erscheinungsbild, falsche Zutaten-Angaben oder irreführende Herkunfts- und Regionsangaben. Im Schnitt gebe es 13 Meldungen über Produkttäuschungen in der Woche, erklärt die Projektchefin des Beschwerde-Portals Lebensmittelklarheit.de des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen: „Uns geht die Arbeit nicht aus.“ Seit dem Start des Portals vor fünf Jahren sind mehr als 650 Produkte in den Beschwerdelisten „Getäuscht?“, „Geändert“ und „Erlaubt!“ aufgetaucht – auch aus MV.

Was drauf steht, ist nicht immer drin: So wirbt das Vielanker Brauhaus noch mit einer Blaubeer-Fassbrause „aus dem mecklenburgischen Biospährenreservat, in dem das Wasser noch rein und der Geschmack noch natürlich“ sei – „naturbelassene Produkte“, prangt es auf dem Etikett. Naturbelassen? Die Vielanker Getränkemeister hindert die Werbung nicht, laut Zutatenliste künstlichen Farbstoff E 151 einzusetzen. Das widerspreche sich, urteilen die Verbraucherschützer und setzten die Vielanker Brause auf die Täuschungsliste. Ein Fehler, gesteht Brauhaus-Chef Andreas Hüttmann, gibt sich einsichtig und gelobt Besserung. Naturbelassene Produkte – „das ist uns sehr wichtig“ und gehöre zur Firmenstrategie, meint der Chef. Und so werde derzeit getestet, den künstlichen Farbstoff für die Blaubeer-Brause durch einen natürlichen, aus einer lilafarbenen Kartoffel hergestellten zu ersetzen, sagt Hüttmann und bittet um Geduld: Die Produktumstellung könne einige Monate dauern.

Verwirrende Angaben auf dem Etikett, kein Einzelfall in MV: Auch die zum Arla-Konzern gehörende Hansano-Molkerei im westmecklenburgischen Upahl eckt auf dem Beschwerde-Portal immer wieder an. Weidemilch „aus der Region“, die in Schleswig-Holstein gemolken, in Mecklenburg verarbeitet und im niedersächsischen Hannover verkauft wird, nach hunderten Kilometer Transport – für einen Kunden aus Hannover hat das nichts mehr mit Regionalität zu tun. Auch die Herkunftsangaben der im Vergleich zu anderen Milchsorten teureren Hansano-Weidemilch lösen Skepsis aus. „Zweifel bleiben“, meint Kerstin Lenz, Chefin des Tierschutzbundes MV. Landesweit sehe man kaum noch Kühe, die auf der Weide stünden. Das gestehe selbst der Bauernverband ein – zu groß der Aufwand.

Zweifel löst der Arla-Konzern selbst mit seiner in MV angebotenen Bio-Milch aus. „Ganz natürlich“ sei die Milch,von den Arla Bio-Höfen – mit „Herkunftsgarantie“. Doch die weist im Test unserer Redaktion Lücken auf: Sieben Bio-Bauern listet Arla auf, die die Öko-Milch liefern – alle in Schleswig-Holstein und Süd-Dänemark, keine aus MV. „Der größte Teil unserer Bio-Milch stammt von den Arla® BIO-Höfen in Norddeutschland und dem Süden Dänemarks“, teilt der Konzern denn auch auf Kunden-Anfrage mit. Von welchem Hof genau die Öko-Milch stammt, so wie es die Herkunftsgarantie auf der Milchverpackung suggeriert, dazu gibt es keine Angaben.

Arla-Sprecher Wolfgang Rommel kann die Aufregung nicht verstehen. Auf den Imageseiten gibt sich der Konzern gern regional: „Kurze Transportwege“, „Alles von Hansano stammt von Bauernhöfen aus der Nachbarschaft. So gelangt unsere Milch auf direktem Weg in die Meierei.“, wirbt der Molkereikonzern für sich. Und so heißen kurze Transportwege und Nachbarschaft im Arla-Verständnis: Die Aussage „Aus der Region – für die Region“ sei nicht zu beanstanden, meint Rommel. Angesprochen werde die Region Norddeutschland – also von Emden bis Pasewalk, von Flensburg bis Hannover. Unabhängige Zertifizierungsstellen, unangemeldete Kontrollen, Weidetagebücher, extra Milchtouren: Hansano könne damit garantieren, dass Weidemilch auch vom Grünland komme, versicherte Rommel – zumindest an sechs Stunden am Tag, 120 Tage im Jahr, wie auf dem Produktetikett angegeben. Nur: Den Beweis bleibt der Konzern in diesen Tagen schuldig. Die von Hansano angebotene Rückverfolgung der Weidemilch im Internet – Fehlanzeige. Fünf Ein-Liter-Abpackungen mit 3,9 prozentiger Weidemilch hat unsere Redaktion an verschiedenen Tagen getestet. Bei keiner konnte das Gebiet ermittelt werden, in dem die Kühe auf der Weide standen und ihre Milch gegeben haben: Es konnte „keine passende Tour gefunden“ werden, hieß es lediglich. Ein Providerproblem, muss Arla-Sprecher Rommel eingestehen. Die Angaben zu den Weidetouren seien nicht aktualisiert worden. Sowohl Weide- als auch Arla-Bio-Milch stamme auch von Höfen aus Mecklenburg – aus der Region rund um Grabow sowie aus fünf Bio-Betrieben zwischen Parchim und Waren.

Die Hersteller sorgen für Verwirrung: Da wird mit dem Aufdruck Bienenwirtschaft Mecklenburg Honig ins Regal gestellt, der aber nur eine Honig-„Mischung aus EU- und Nicht-EU-Ländern“ beinhaltet. Der Käse Müritzer aus Waren wird mit dem Slogan „Ein Stück Mecklenburg-Vorpommern.“ beworben, zum Aufschneiden aber 400 Kilometer nach Edewecht nahe Oldenburg transportiert, um schließlich als niedersächsisches Produkt verkauft zu werden.

Und doch kommen die Lebensmittelhersteller an der Verbraucherkritik kaum noch vorbei: Ein Drittel der Unternehmen habe nach der Kritik auf dem Verbraucherportal ihr Produkt geändert, erklärt Verbraucherschützerin Wetzel: „Die Hersteller gehören zu unseren treuesten Lesern.“

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