Mecklenburg-Vorpommern : Mythen im Windfeld

Arbeit in der Schiffbau-Halle: Die Nordic-Werften bauen derzeit eine vierte Konverterplattform – ein Millionengeschäft.
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Arbeit in der Schiffbau-Halle: Die Nordic-Werften bauen derzeit eine vierte Konverterplattform – ein Millionengeschäft.

Der Windkraftbranche in MV reichts: Industrie geht in die Offensive und wehrt sich gegen Kampagne der Tourismuswirtschaft

svz.de von
27. November 2014, 07:51 Uhr

Déjà-vu am Ostseestrand: Jahrelang stritten Touristiker und Windmüller um den ersten Offshore-Windpark vor der Halbinsel Fischland-Darß. 21 Mühlen vor der Küste – mit den Blick störendern Windrädern von enormer Größe, die die Touristen abhalten würden, machten Hoteliers und Gastronomen damals mit Horrorszenarien mobil. Mit dem Einstieg in die Offshore-Windkraft in der Ostseeküste, lockten die Anlagenbauer. Jahre später ist von dem Streit nichts mehr geblieben. Der Park ist am Netz und die Windräder sind von Zingst oder Hiddensee aus kaum wahrnehmbar. Inzwischen habe es sogar Pläne gegeben, einen Surfweltcup rund um die Windtürme auszurichten, erklärte Carlo Schmidt, Chef der Windprojekt Ingenieur- und Projektentwicklungsgesellschaft Börgerende, gestern in Rostock. Und nun das: „Dieselben Argumente sind wieder da.“ Mit den Offshore-Ausbauplänen vor der Ostseeküste flammt die alte Debatte wieder auf: Die Tourismuswirtschaft zieht die Vorzeigebranche in Gefahr.

Von wegen: Die Windmüller sehen sich an den Pranger gestellt. Dabei würden Tourismus und Windkraft sich nicht ausschließen, meinte Andree Iffländer, Vorsitzender des Windenergienetzwerks MV. „Es kann ein Miteinander geben“, fügte Schmidt hinzu: „Die Mischung machts – touristische und Industriearbeitsplätze.“ Der Tourismus sei für das Land eine wichtige Branche, aber MV sei auch ein Land der Energiewende. Derzeit werde aber mit „nicht seriösen“ Fotomontagen gegen Offshoreanlagen argumentiert, mit einem „Netz von Mythen und Halbwahrheiten“ eine Kampagne gefahren, die dem Image des Landes als Investitionsstandort schade, sagte Iffländer. Dabei gebe es keinen Beleg für gezeichnete „Horrorlandschaft“, dass Windräder auf See Touristen fernhalten würden. Die Wahrnehmung der Urlauber sei eine andere, so Schmidt. Lediglich zwei Prozent der Gäste haben einer Umfrage zufolge Beeinträchtigungen im Landschaftsbild als einen Grund für ein Fernbleiben genannt. In der Debatte um die Raumplanung des Landes könne nicht „eine Gruppe mit Alleinansprüchen“ vorpreschen, sagte Iffländer.

Die Windbranche mahnt zur Sachlichkeit. Die Energiewende sei angesichts des Klimawandels alternativlos. Vor allem aber könne der Ausbau der erneuerbaren Energien „ein Konjunkturprogramm“ werden, erwartete Volker Schlemminger, Offshore-Chef der Nordic-Werften in Wismar, Rostock und Stralsund. Allein in den neuen Eignungsgebieten vor der Küste könne mit Investitionen von etwa zehn Milliarden Euro gerechnet werden, teilte Iffländer mit. Neue, qualifizierte und gut bezahlte Jobs, Investitionen und Steuereinnahmen in Milliardenhöhe: Bereits heute sorge der Windanlagenbau bei den Werften und bei maritimen Zulieferern in gut 300 Unternehmen mit 12 000 Beschäftigten im Land für gute Geschäfte. Die Nordic-Werften etwa hätten sich in einer Gruppe von nur einer Handvoll Firmen in Europa etabliert, die den Offshoremarkt bedienen könnten. Drei Offshore-Konverterplattformen, eine weitere im Bau, Windturbinenservice- und andere Spezialschiffe – Jobs für 1390 Werftarbeiter in Wismar, Rostock und Stralsund, 400 mehr als noch vor fünf Jahren. Allein in Stralsund sollen bis zum Frühjahr 2015 weitere 100 Arbeitsplätze hinzukommen, kündigte Schlemminger an. Es könnten noch mehr werden: Die Windparks in der Ostsee könnte Nordic mit Stromsammelstationen aber auch Gründungsstrukturen ausrüsten. Pro Jahr eine Station – „das wäre schon was“, meinte Schlemminger.

Die Windmüller gehen indes auf Kompromisskurs: Die „Kampagne“ der Tourismuswirtschaft gegen den Windkraftausbau müsse beendet werden, forderte Schmidt. Kleinere Anlagen, weniger Windräder: „Die Branche ist kompromissbereit“, um die Beeinträchtigungen zu reduzieren, sagte Iffländer. Ohnehin könnten von den für Offshore-Windparks sechs Kilometer vor der Küste vorgesehenen 520 Quadratkilometer großen Gebieten nur auf knapp der Hälfte Windräder gebaut werden. Eine Ausbaupause, wie erst am Wochenende vom neu gegründeten Aktionsbündnis „Freier Horizont“ dürfe es aber nicht geben. Das hieße Stillstand, erklärte Schmidt. Die Branche brauche aber Kontinuität. Vor allem würden sich die Bürger und Gemeinden selbst um dringend benötigte Einnahmen bringen – Geld für die öffentlichen Haushalte. Das summiert sich: Belegbaren Schätzungen zufolge könnten allein die in den Planungsgebieten vor der Küste möglichen Windparks knapp 1,4 Milliarden Euro an Gewerbe in die Kassen spülen. Mehr Teilhabe, Steuereinnahmen für die Regionen, günstigere Tarife für Stromkunden – „das schafft mehr Akzeptanz“, meinte Schmidt.


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