Verkehr : MV ist das Land der Pendler

Lange Wege, viel Stress, hohe Kosten: Tausende fahren schon seit mehr als 20 Jahren, jeden Tag auf der Autobahn den Staus entgegen.
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Lange Wege, viel Stress, hohe Kosten: Tausende fahren schon seit mehr als 20 Jahren, jeden Tag auf der Autobahn den Staus entgegen.

Erst fehlten die Jobs, jetzt sind die Arbeitsbedingungen schlechter: Jeder achte Beschäftigte aus MV pendelt zur Arbeit über die Landesgrenze – vor allem Richtung Westen.

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30. April 2015, 07:45 Uhr

Lange Wege, viel Stress, hohe Kosten: Tausende fahren schon seit mehr als 20 Jahren, jeden Tag auf der Autobahn den Staus entgegen, mit der Bahn, allein oder zusammen mit Kollegen, nicht selten auf der Hin- und Rücktour drei Stunden lang – jeder achte Beschäftigte aus Mecklenburg-Vorpommern fährt zur Arbeit über die Landesgrenze. „Die Beschäftigten aus und in Mecklenburg-Vorpommern sind besonders mobil“, beobachtet Margit Haupt-Koopmann. „Für einen festen Arbeitsplatz nehmen viele von ihnen auch sehr lange Anfahrten in Kauf“, meint die Chefin der Landesarbeitsagentur.

Ein Land der Pendler: Seit Jahren zieht es die Karawane über die Grenze. 72 507 Frauen und Männer trieb es Mitte vergangenen Jahres aus MV, ergab eine aktuelle Analyse der Bundesagentur für Arbeit, die unserer Zeitung vorliegt. Jung oder Alt – zwölf Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in MV, aber auch mehr als sieben Prozent aller Auszubildenden pendeln in andere Bundesländer und darüber hinaus. Vor allem nach Schleswig-Holstein: Fast jeder dritte Auspendler aus MV hat dort einen Job gefunden. Knapp 13 000 der 72 507 auswärtig Beschäftigten zieht es nach Hamburg.

Es werden kaum weniger: Zwar ist die Zahl der Auspendler in den vergangenen fünf Jahren um 3519 zurückgegangen. Im Vergleich zum Jahr 2004 wurden aber allen Rückholaktionen, Stellenangeboten und lukrativen Jobofferten zum Trotz 5152 Auspendler mehr gezählt. Es sind vor allem diejenigen, die sich schnell nach der Wende, jung und auf der Suche nach lukrativeren Jobs, auf den Weg gemacht hatten – und geblieben sind, bei ihren Arbeitgebern vor allem im Westen. 25 Jahre später stellen die 45- bis 55-Jährigen mit 22 452 Frauen und Männern die größte Gruppe der Auspendler in MV.

Personeller Aderlass im Nordosten: Mit den Pendlern gingen vor allem die qualifizierten und pfiffigsten, warnt Ingo Schlüter. Den DGB-Nord-Vize wundert die massenweise Landesflucht kaum: Geringere Löhne, die Arbeitsbedingungen – viele Arbeitsplätze in MV seien nicht konkurrenzfähig. In MV gebe es keinen Fachkräftemangel sondern einen Mangel an Jobs, deren Bedingungen mit denen in den alten Ländern mithalten können, erklärt Schlüter.

Noch hängt das Herz vieler Pendler an MV: „Die Pendler in andere Bundesländer sind nicht abgewandert“, meint Agenturchefin Haupt-Koopmann: „Sie haben ihren Wohnsitz in Mecklenburg-Vorpommern behalten und bleiben damit – gemeinsam mit ihren Familienangehörigen – der Heimatregion verbunden.“ Einer früheren Online-Umfrage der Rückholagentur mv4you zufolge sind Familie, Bekannte und Freunde für mehr als 80 Prozent der Teilnehmer der Hauptgrund, sich wieder in MV einen Job zu suchen. Für jeweils etwa 45 Prozent sind Landschaft und Natur sowie die Heimatverbundenheit dafür ausschlaggebend, für fast 30 Prozent die Lebensqualität. Doch vor ihrer Rückkehr in ihre Heimatregion stellten Pendler zunehmend Fragen nach Aufstiegsmöglichkeiten, Jobsicherheit, tariflicher Bezahlung oder dem Betriebsklima – und würden häufig im Osten enttäuscht, meint Gewerkschafter Schlüter: „Wenn die Bedingungen stimmen, kommen die Leute auch zurück.“

Noch rächt es sich aber, dass auch 25 Jahre nach der Wiedervereinigung die Lebens- und Arbeitsverhältnisse noch immer nicht angeglichen wurden – und keine Aussicht darauf besteht. Zehntausende in MV sind es leid, noch immer Beschäftigte zweiter Klasse zu sein und manchmal selbst innerhalb eines Unternehmens schlechter gestellt zu werden – mit deutlich geringeren Gehältern, aber längeren Arbeitszeiten, mit weniger Urlaub, mit gekürzten betrieblichen Ausgleichszahlungen, mit ausbleibenden Lohnerhöhungen. So arbeiteten Beschäftigte in MV 2014 im Schnitt sieben Tage länger als der deutsche Durchschnittsarbeitnehmer – 1429 Stunden je Beschäftigter, 58 mehr als im Bundesschnitt, teilte das Statistische Amt in Schwerin. Danach stieg im Vergleich zu 2013 die Jahresarbeitszeit in MV noch einmal um 17, bundesweit nur um acht Stunden.

Lange Stundenzettel, aber knappe Gehaltsabrechnungen: Trotz der längeren Arbeitszeit wurden die Beschäftigten in MV im vergangenen Jahr aber erneut mit den bundesweit niedrigsten Löhnen bezahlt. 24 915 Euro Jahresgehalt je Arbeitnehmer, ermittelten die Statistiker. Das waren zwar 916 Euro mehr als noch ein Jahr zuvor, aber nur 78,9 Prozent des Bundesdurchschnitts von 31 578 Euro. Die Unterschiede sind enorm: So werden nach Angaben der Arbeitsagentur im Schnitt in Hamburg Monats-Einkommen von 3095 Euro brutto erzielt, im Kreis Nordwestmecklenburg 2188 Euro und im Landkreis Ludwigslust-Parchim 1993 Euro. Für Schwerins Arbeitsagentur-Chef Dirk Heyden ist denn auch klar: „Wenn wir bei uns wirklich Pendler zurückholen wollen, dann muss bei den Löhnen erheblich draufgepackt werden, sonst kommt niemand.“ Die Firmen haben es in der Hand: „Die heimischen Betriebe haben die Chance, durch attraktive Arbeitsangebote gezielt die Beschäftigtengruppe anzusprechen, die sich in der Vergangenheit nur für einen Arbeitsort – und nicht auch für einen Wohnort – außerhalb Mecklenburg-Vorpommerns entschieden hat“, sagt Landesagenturchefin Haupt-Koopmann.

Die Kritik lässt die Wirtschaft nicht gelten: Löhne und Gehälter – für Berit Steinberg ist das nicht alles. Kinderbetreuung, flexible Arbeitszeiten, Familienfreundlichkeit – zu attraktiven Jobs gehöre mehr als nur die Gehaltsfrage, meint die Chefin der Wirtschaftsfördergesellschaft Südwestmecklenburg in Ludwigslust: „Da haben die Unternehmen in MV eine Menge zu bieten.“ Für manchen Pendler seien eineinhalb Stunden, die er länger mit der Familien verbringen könnte, anstatt im Pendler-Stau zu stecken, ausschlaggebend, in die Heimatregion zurückzukehren. Steinberg sieht Besserung: Die Botschaft sei bei den Unternehmen angekommen, meint sie – zumindest bei einigen. In der gemeinsam von der Wirtschaftsfördergesellschaft, Arbeitsverwaltung, Sparkassen, Kammern, Landkreisen, Wirtschaftsministerium und dem medienhaus:nord herausgegebenen „Pendlerpost“ werben beispielsweise das Edeka-Fleischwerk in Valluhn mit Weihnachts- und Urlaubsgeld, die Elektro- und Kommunikationstechnik GmbH Pampow mit Tariflöhnen, die Unternehmensgruppe Sitte Wismar mit übertariflicher Bezahlung und der Medizintechniker Euroimmun Dassow mit Betriebskindergarten, Zuschüssen zur Altersversorgung und langfristigen Arbeitsverträgen um Rückkehrer – insgesamt mehr als 100 freie Stellen in den Landkreisen Ludwigslust-Parchim, Nordwestmecklenburg und Schwerin. Ein Großteil der Unternehmen formuliert aber lediglich ihre Anforderungen an die Jobsucher, vergessen aber die eigenen Angebote für attraktive Arbeitsplätze – Fehlanzeige.

Für DGB-Vize Schlüter wird sich das ändern: Tarifliche und übertarifliche Angebote – das werde zunehmen. MV werde eine Comeback des Tarifvertrages erleben, glaubt der Gewerkschafter. MV habe „als Billiglohnland keine Perspektive“. Gerade der Norden brauche mehr Tarifverträge und „Gute Arbeit“, forderte der DGB anlässlich des 1. Mai: „Nur wer ordentlich verdient und in die Rentenkasse einzahlt, kann sich auch vor Altersarmut schützen.“ Für Schlüter ist indes eines bereits klar: „Unternehmer, die nicht nach Tarif zahlen, werden von den Beschäftigten künftig nicht mehr akzeptiert.“

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