zur Navigation springen

Keine Konstanz : „Leihkeule“ auf 30 Baustellen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Keine Konstanz im Berufsleben, Diskriminierungen durch feste Mitarbeiter: Malte ist einer von knapp 10 000 in MV beschäftigen Leiharbeitern

Malte muss kurz überlegen: „England, Holland, Bremen, Hamburg, Rostock, dann Greifswald.“ Das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) in Greifswald ist Maltes 30. Baustelle in fünf Jahren. „Man kann da leicht den Überblick verlieren“, sagt er. Der 27 Jahre alte Facharbeiter, der seinen Namen nicht nennen möchte, ist viel rumgekommen in Europa, hat auf Baustellen renommierter Konzerne gearbeitet. Doch nicht für die Unternehmen selbst, sondern als Leiharbeiter für Zeitarbeitsfirmen, die im schlimmsten Falle im Auftrag anderer Leihfirmen als Subunternehmen für die Konzerne tätig waren. Zweimal habe er gegen Leiharbeitsfirmen geklagt, nach nervenzehrenden juristischen Auseinandersetzungen Recht und das ausstehende Geld bekommen.

Nach fünf Jahren ist der gebürtige Vorpommer über eine Personaldienst-Firma im Greifswalder Max-Planck-Institut tätig. Er gehört zu jenen Monteuren, die derzeit das Kernfusionsexperiment „Wendelstein 7-X“ aufbauen – ein öffentlich finanziertes Vorzeigeprojekt der europäischen Spitzenforschung. Die 370 Millionen Euro teure Forschungsanlage und die millionenschweren Personalkosten werden aus Mitteln des Landes, Bundes und der EU finanziert.

„Der Verdienst ist ordentlich“, sagt Malte über seinen Job in Greifswald. Rund 1600 Euro netto verdient er monatlich für 35 Wochenstunden mit Fahrgeld und Zuschlägen, bezahlt wird nach Tarif. Doch ein Ende der Arbeit ist absehbar – wieder einmal. Ist das Forschungsexperiment montiert, werden die Leiharbeiter vom Max-Planck-Institut abgezogen und auf anderen Baustellen eingesetzt.

Nach Angaben des Instituts sind rund 100 der 500 Beschäftigten Leiharbeiter. „Die Leiharbeitnehmer werden vor allen Dingen in der Montage eingesetzt“, sagt eine Sprecherin. In diesen Bereichen fielen viele zeitlich befristete Aufgaben an, für die – ebenfalls zeitlich befristet – Schweißer, Monteure, Vermesser, Rohrbauer benötigt würden. Rechtlich sei die Beschäftigung von Leiharbeitern nicht zu beanstanden. „Das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz schließt den Einsatz von Leiharbeitnehmern im öffentlichen Bereich nicht aus.“

Bei der Beschäftigung von Leiharbeitern gehe es dem Max-Planck-Institut nicht um finanzielle Einsparungen, sondern darum, die nötige Flexibilität hinsichtlich Anforderungsprofil, Einsatzdauer und kurzfristiger Umsetzung zu erreichen, sagt die Sprecherin. Verträge würden nur mit solchen Personaldienstleistern abgeschlossen, die die gesetzlichen Anforderungen erfüllen.

Nach Angaben der Arbeitsagentur Nord waren 2012 durchschnittlich 9995 Leiharbeitnehmer in Mecklenburg-Vorpommern tätig. Die tatsächliche Anzahl dürfte höher sein, da die Behörde nicht erfasst, wie viele Menschen aus MV in anderen Bundesländern für Zeitarbeitsfirmen arbeiten.

Für viele stehe der Wunsch nach schneller Beendigung der Arbeitslosigkeit im Vordergrund und die Hoffnung auf einen „Klebeeffekt“, sagte ein Sprecher der Arbeitsagentur in Kiel. Die Bundesregierung will sich des Problems der Dauerbeschäftigung von Leiharbeitern annehmen. Im Koalitionsvertrag haben sich CDU und SPD darauf verständigt, dass „die Überlassung von Arbeitnehmern an einen Entleiher vorübergehend erfolgt“. Die Überlassungshöchstdauer soll auf 18 Monate begrenzt werden.

Maltes sehnlichster Wunsch nach fünf Jahren Arbeitgeber- und Baustellen-Hopping: „Eine feste Anstellung in einem soliden Unternehmen mit der Perspektive auf eine berufliche Entwicklung.“ „Leihkeule“ hätten die Festangestellten die Leiharbeiter in Hamburg oder Bremen genannt, sagt der 27-Jährige. Die diskriminierende Bezeichnung kratzt am Selbstbewusstsein, auch wenn Malte behauptet, er habe ein dickes Fell.

zur Startseite

von
erstellt am 25.Jan.2014 | 09:20 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen