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Energiewende : Land schreibt Milliarden in den Wind

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

MV streicht Ausbaupläne für Offshore-Anlagen zusammen und setzt damit nicht nur das Energieziel aufs Spiel.

svz.de von
erstellt am 05.Mai.2015 | 13:18 Uhr

Andree Iffländer macht aus seiner Enttäuschung keinen Hehl: „Immer wieder hat das Land die Ausweisung neuer Windeignungsgebiete verteidigt“, erinnert der Chef des Firmenverbundes WindEnergy Network. Die Branche habe im Vertrauen auf die Entwicklung investiert. Doch seit das Land Mitte März die Offshore-Pläne radikal zusammengestrichen hat, scheint das Vertrauen der Branche dahin. Nur noch 197 statt der einst geplanten 590 Quadratkilometer Offshore-Fläche, mindestens zehn statt bisher sechs Kilometer vor der Ostseeküste: „Mit derartigen Kürzungen hat kaum einer gerechnet“, meint Iffländer.

Der nächster Dämpfer für die gepriesene Zukunftsbranche: Erst der Ausbaudeckel nach der Novellierung des Erneuerbaren Energiengesetzes (EEG) 2014, nun kleinere Eignungsflächen vor der Küste: „Das ist enttäuschend“, meint Iffländer. Es sei zwar zu erwarten gewesen, dass nicht alle vorgesehenen Eignungsgebiete in die Raumplanung aufgenommen würden. Aber deutlich mehr habe sich die Branche erhofft,. Stattdessen laufe MV Gefahr, sich als Offshore-Land zu verabschieden – eines der Themen auf der heute in Rostock beginnenden Zukunftskonferenz „Wind & Maritim 2015“.

Dabei hatte Energieminister Christian Pegel (SPD) noch vor einem Jahr Sicherheit und Planbarkeit für die Betreiber von Ostsee-Windparks gefordert. Noch im November forderte er: „Wir wollen auf See einen deutlichen Zubau.“ Und auch SPD-Landeschef und Ministerpräsident Erwin Sellering hatte seine Genossen im März auf dem Landesparteitag aufgerufen, auf dem Weg zur Energiewende und der Ausweisung neuer Windeignungsgebiete „standhaft“ zu bleiben. Eine Begrenzung von Windparks würde den „Ausbau der erneuerbaren Energien massiv in Frage stellen“, warnte er. Da hatte sich sein SPD-Energieminister dem Druck der Touristiker längst gebeugt: Die neue Flächenkulisse entspreche nahezu 100 Prozent den Forderungen der Tourismusbranche, heißt es bei WindEnergy Network. „Zu früh zurückgerudert“, kritisiert auch Andreas Jesse, Chef des Landesverbandes Windenergie. Bei der Ausweisung neuer Flächen im Küstenmeer hätten sich aber die Einwände von Tourismus, Schifffahrt und Fischerei überlagert, rechtfertigte Pegel sich gestern noch einmal.

Die Entscheidung wird dennoch teuer: Mit Investitionen von 9,3 Milliarden Euro in neue Windräder und den Netzanschluss hatte die Branche für die ursprünglich geplanten Windfelder vor Insel Poel, vor Kühlungsborn, Warnemünde, Graal-Müritz, Fischland-Darß, nördlich der Insel Hiddensee und nordöstlich vor Rügen gerechnet. Noch einmal 3,5 Milliarden Euro für Servicearbeiten und Steuereinnahmen von 1,4 Milliarden Euro in den kommenden 25 Jahren. Bleiben wird nur ein Bruchteil: 70prozentige Kürzungen – „das ist immens“, meint Iffländer.

Mehr noch: Inzwischen bleibt offen, wie MV sein Energieziel erreichen kann. Erst im Februar hatte Rot-Schwarz im Energiekonzept festgeschrieben, dass MV in zehn Jahren 6,5 Prozent des Strombedarfs Deutschlands decken solle – der größte Teile mit Windenergie. Insgesamt 24,3 Terrawatt wären dafür notwendig – ein Verdreifachung der bisherigen Leistung. Da Ziel sei trotzdem zu erreichen, ließ Pegel mitteilen: „Wie konkret der Energiemix in 15 Jahren aussehen wird, kann man heute noch nicht seriös prognostizieren.“ Auch die verbleibenden Windflächen in der Ostsee würden „immer noch erhebliche Potenziale zur Stromerzeugung“ bieten, hieß es im Pegel-Haus. Bis 2020 könnte damit im Küstenmeer etwa noch einmal die gleiche Leistung installiert werden.

Und trotzdem: „Wir müssen mit der Entscheidung leben“, stellt Iffländer klar. Nein, die Branche wolle nicht schmollend in der Ecke sitzen, sondern die Debatte fortsetzen. „Es gibt eine Lösung mit dem Tourismus“, ist er sich sicher. Aber das wenige, was von den Windplänen auf See übriggeblieben ist, müsse nun auch umgesetzt werden. Es gehe um Millionen-Investitionen, dafür „brauche die Branche Kontinuität“, fordert Iffländer. Das bleibt abzuwarten: In Warnemünde z. B. formiert sich trotz der geänderten, nun auf zehn Kilometer vor der Küste geplanten Windfläche erneut Widerstand.

Eine Hoffnung bleibt: Solange am Energiekonzept der Bundesregierung festgehalten werde, bis 2050 80 Prozent der Energie aus erneuerbaren Quellen zu erzeugen, kämen die jetzt gestrichenen Windfelder noch einmal auf die Tagesordnung, glaubt Iffländer und warnt: Wenn es jetzt nicht gelinge, die Ausbauziele zu erreichen, werde die Energiewende ausgebremst und stattdessen die Kohle eine Renaissance erleben.  

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