Im Armuts-Schlamassel

 Wenigstens eine warme Mahlzeit am Tag: Suppenküchen für die Ärmsten der Armendpa
Wenigstens eine warme Mahlzeit am Tag: Suppenküchen für die Ärmsten der Armendpa

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28. August 2010, 03:14 Uhr

Schwerin | In keinem anderen Bundesland ist das Risiko zu verarmen so groß wie in Mecklenburg-Vorpommern. Erhebungen des Statistischen Bundesamtes zufolge leben im Nordosten 23,1 Prozent der Bevölkerung unter der EU-definierten Armutsschwelle - in Bayern 11,1 Prozent.

Fast jeder vierte Einwohner Mecklenburg-Vorpommerns ist von Armut betroffen oder bedroht. Im Jahr 2009 standen diesen Menschen weniger als 60 Prozent des deutschen Durchschnittseinkommens zur Verfügung. Laut EU-Definition lagen sie damit unterhalb der Armutsschwelle. Wie aus den gestern veröffentlichten Daten des Bundesamtes für Statistik zudem hervorgeht, treiben Kinder das Armutsrisiko deutlich in die Höhe.

Auch im Vergleich zum durchschnittlichen Landesverdienst kamen "Großfamilien" und Alleinerziehende besonders schlecht weg. Knapp 26 Prozent der Familien mit mehr als zwei Kindern und fast 36 Prozent der Alleinerziehenden hatten weniger als 60 Prozent des schon niedrigeren Nordost-Einkommens zur Verfügung.

Wie das Statistische Amt gestern in Schwerin mitteilte, liegt die Armutsschwelle für Einpersonenhaushalte in MV bei 677 Euro/Monat, im Bundesdurchschnitt sind es 801 Euro. Für Haushalte mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern liegen die Werte bei 1422 sowie 1683 Euro/Monat.

Neben der Kindererziehung wurden vor allem Erwerbslosigkeit sowie geringe Qualifikation als Hauptgründe für drohende Verarmung genannt. "Vor allem die verfestigte Armut von Menschen steigt beachtlich", sagt der Armutsforscher Prof. Ernst-Ulrich Huster. "Und die Reichen werden immer reicher."

Der Politikwissenschaftler warnt vor erheblichen Auswirkungen von Armut auf Bildung und Gesundheit der Gesellschaft. "Wir investieren zu wenig in unsere relevanten Rohstoffe: die Kinder und Jugendlichen."

Für die vorschulische Erziehung - gerade für Kinder aus armen Familien - müsse viel mehr und gezielter getan werden, fordert Huster. Eine Chipkarte allein, wie von Bundessozialministerin Ursula von der Leyen (CDU) vorgeschlagen, motiviere Kinder nicht, sich zu bewegen. "Aber von einem ganztägigen Angebot mit kostenloser Ernährung sind wir meilenweit entfernt."

Armen Kindern droht nach Einschätzung von Christian Alt vom Deutschen Jugendinstitut in München das Risiko, aus der Gesellschaft herauskatapultiert zu werden. "Sie haben zu wenig Bildung, zu wenig Integration, zu wenig Freunde und zu wenig Möglichkeiten dies zu kompensieren", sagt der Wissenschaftler. "Diese Kinder sind irgendwann nicht mehr fähig, in dieser Gesellschaft Fuß zu fassen." Studien zeigten, dass sie auch nach und nach den Kontakt zu ihren Eltern verlören. Denn bei vielen erwerbslose Erwachsenen sei das Selbstbewusstsein angekratzt und sie zögen sich zurück - "insbesondere die Väter". Alt warnt: "Wir reproduzieren eine Armutsgruppe, die sich nicht aus diesem Armutsschlamassel rausziehen kann."

"Die wachsende Armut bei alt und jung wird in den kommenden Jahrzehnten zu einem sozialen Sprengsatz, wenn die Politik nicht endlich gegensteuert", sagte die Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland, Ulrike Mascher, laut Mitteilung. Sie forderte die Bundesregierung auf, die Teile von Sparpaket und Gesundheitsreform zu stoppen, die dazu beitrügen, Armut und soziale Ausgrenzung zu verschärfen.

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