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Eigentümerroulette : Hoffen im Karstadt-Stammhaus

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Eigentümer-Wechsel im Warenhaus-Konzern: Filiale in Wismar und Bürgermeister setzen auf Tradition

svz.de von
erstellt am 15.Aug.2014 | 13:20 Uhr

Eigentümerroulette im ältesten deutschen Kaufhaus: Auf lange Zeit hatten sie sich sicher geglaubt, die 50 Mitarbeiter im Stammhaus der Karstadt-Warenhauskette in Wismar – Zuversicht nach der Hängepartie vor vier Jahren für den in die Pleite gerutschten Konzern. Doch der gestern bestätigte Besitzerwechsel der Warenhauskette an den österreichischen, 37-jährigen Immobilienentwickler René Benko bringt im Stammhaus in Wismar die Unsicherheit zurück.

„Das ist ein Hoch und Runter“, gibt Viola Hopp gestern die Gefühlslage ihrer Kolleginnen in dem Traditionshaus am Wismarer Rudolph-Karstadt-Platz wieder. Am 14. Mai 1881 hatte Firmengründer Karstadt dort sein erstes „Tuch-, Manufaktur- und Confektionsgeschäft“ eröffnet. 133 Jahre später steht die Zukunft des Hauses erneut auf der Kippe.

Karstadt kommt nicht aus den Turbulenzen: Dabei glaubten sich die Wismarer Karstadt-Mitarbeiter 2010 mit dem Zuschlag an den bisherigen Eigentümer Nicolas Berggruen in Sicherheit. Das sei die beste Entscheidung, Berggruen setze auf Werte und Traditition, hieß es in der Wismarer Chefetage. Gerade das Stammhaus sei auf lange Zeit gesichert, denn ohne das Stammhaus wäre Karstadt seiner großen Tradition beraubt, glaubten die Hansestädter. Vier Jahre später kommen bei den Wismarern erneut Fragen auf: Genaues wisse man noch nicht, hieß es gestern in Wismar. Nun soll die angeschlagene Warenhauskette vom Immobilieninvestor Benko gerettet werden. In einer Telefonkonferenz seien die Standorte gestern darüber informiert worden, erklärte Hopp. Aber zu welchen Konditionen, mit welchen Konzepten und mit welcher Perspektive – keine Antworten: „Uns bleibt nichts anderes als abzuwarten“, meinte die Betriebsratschefin – „und die Hoffnung, dass es weitergeht“.

Die hat auch Wismars Bürgermeister Thomas Beyer: Zwar solle das Haus wirtschaftlich gut dastehen und bereite daher keinen Anlass zur Sorge. „Das glaube ich aber erst, wenn es der Konzern erneut bestätigt“, bleibt der Stadtchef vorsichtig. Berichten zufolge soll das Kaufhaus in Wismar eines der wenigen in Deutschland sein, das schwarze Zahlen schreibe.

Vorsicht ist geboten: In der über 130-jährigen Geschichte hat das Karstadt-Stammhaus schon manche Krise überstanden. Erst bei der Restrukturierung 2006 stand eine Schließung des kleinsten Kaufhauses des Konzerns zur Debatte. Damals konnte die ehemalige Bürgermeisterin Rosemarie Wilcken die Konzern-Chefs in Essen mit dem Argument des Stammhauses überzeugen. Auch Wilcken-Nachfolger Beyer lässt keine Zweifel aufkommen: „Wenn da etwas anbrennt, stehe ich auch beim Konzern auf der Matte.“ Das Warenhaus habe für die Stadt eine große Bedeutung. „Das strahlt aus“, meint Beyer. Bisher hätten „alle zur Karstadt-Tradition gestanden“, meinte Bürgermeister Beyer: „Ich hoffe, der neue Eigentümer tut es auch.“

Das bleibt abzuwarten: Nach der Insolvenz war Nicolas Berggruen vor vier Jahren noch als Retter der Warenhaus-Kette gefeiert worden, jetzt wirft er das Handtuch und gibt den Konzern für einen symbolischen Euro an Benko weiter. Der gehört zu den 50 reichsten Österreichern. Schon Anfang kommender Woche soll er die Kontrolle über die 83 Filialen übernehmen, wie Benkos Signa-Holding und die Berggruen Holdings gestern mitteilten. Berggruen betonte indes, trotz aller Bemühungen sei es ihm nicht gelungen, Karstadt nach der Übernahme aus den roten Zahlen zu führen. Signa habe bislang bereits rund 200 Millionen Euro in Karstadt investiert und damit ein klares Bekenntnis zur Zukunft des Unternehmens abgelegt. Arbeitnehmervertreter sehen sich von Berggruen indes „bitter getäuscht“. Statt in Karstadt zu investieren, habe Berggruen mehr als 2000 Arbeitsplätze vernichtet und Kapital aus dem Unternehmen gezogen.

Der Geschäftsführer der Signa Retail GmbH, Wolfram Keil, sagte: Angesichts des bisherigen Engagements sei die komplette Übernahme der Karstadt Warenhaus GmbH in der aktuellen Lage die „logische Konsequenz“. Wichtigstes Ziel sei es jetzt, dass im Warenhauskonzern Ruhe einkehre und die nächsten Schritte einer tragfähigen Sanierungsstrategie zügig beraten, verabschiedet und umgesetzt würden.


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