Post-Streik beendet : „Heute kommt wieder Post“

Schichtbeginn nach vier Wochen Streik: Ab heute kehren alle Postler wieder an ihre Arbeitsplätze zurück.
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Schichtbeginn nach vier Wochen Streik: Ab heute kehren alle Postler wieder an ihre Arbeitsplätze zurück.

Postler rollen Streikfahne ein: Die Beschäftigten sind mit Tarifabschluss zufrieden, doch der Abbau des Postberges dauert einen Monat

svz.de von
07. Juli 2015, 06:30 Uhr

Die Protestfahnen sind eingerollt, die Streikwesten an den Haken gehängt, der Pavillon am Streikposten wieder eingepackt: Nach gut vier Wochen geht der längste Poststreik der letzten Jahrzehnte zu Ende – Entspannung am Werkstor zum Briefverteilzentrum Schwerin. „Ich bin froh, dass wir wieder arbeiten können“, meint die resolute Mitvierzigerin gestern und packt die letzten Sachen zusammen. Am Nachmittag wird der Container mit dem Streikbüro wieder abtransportiert, kündigt Streikleiter Bernd Kunow an. Wochenlang hatten mehr als 1000 Postbedienstete in MV Briefe und Pakete nicht mehr zugestellt – Streik gegen 30 Prozent geringere Löhne in ausgegründeten Paketgesellschaften, gegen neue Billigfirmen auch im Briefgeschäft, für mehr Lohn nach zuletzt Milliardengewinnen des Post-Konzerns. „Dienstagmorgen geht es wieder los“, sagt die Zustellerin aus Schwerin: „Heute kommt wieder Post.“ Im Briefzentrum hat schon um Mitternacht die Schicht begonnen. Briefe, Pakete: Millionen liegengebliebene Sendungen türmen sich in den Verteilzentren.

Erleichterung am Streikposten: Der fast vierwöchige Ausstand sitzt den Frauen und Männern aus den Zustellbezirken und dem Briefverteilzen-trum in den Knochen. „Das macht keiner gern“, sagt ein anderer Zusteller, der wie die anderen Postler anonym bleiben will. Zu groß ist ihre Angst vor Reaktionen der Chefetage nach dem Streik. Sie haben ihre Erfahrungen gemacht: Erst vergangene Woche hatte die Post im Briefverteilzentrum Schwerin den Ton deutlich verschärft. Nach wochenlanger Duldung hatte die Geschäftsführung den Streikenden plötzlich den Zugang zur öffentlichen Kantine und zu den Toiletten versperrt. Wer streike, habe kein Recht das Betriebsgelände zu betreten, rechtfertigte sich die Post.

Wochenlang verhärtete Fronten zwischen den Tarifparteien, dann Einigung am Wochenende nach 40 Stunden Verhandlungsmarathon: „Da-ran hatten wir zu Beginn der Gespräche nicht geglaubt“, fügt eine junge Zustellerin hinzu. Aber: „Der Druck war so hoch, da musste was passieren“, meint ihre Kollegin.

Dafür hat es sich gelohnt, stimmen die Postler am Tag danach zu: Keine Ausgliederung in Billiggesellschaften im Briefbereich bis 2018, keine Versetzung der 7600 Paketzusteller mit Haustarif in die schlechter bezahlten Regionalgesellschaften, verlängerter Kündigungsschutz, Einmalzahlung in diesem, mehr Lohn in den kommenden beiden Jahren. „Ein gutes Ergebnis. Da können wir zufrieden sein“, wertet die Mitvierzigerin. Zustimmung bei den Postlern, Enttäuschung bei den tausenden Beschäftigten der Paket-Regionalgesellschaften: 30 Prozent niedrigere Löhne als im Postkonzern, Lohnabschläge auch für neu eingestellte Paketzusteller – dabei bleibt es. Schlappe für Verdi – in diesem für die Streikenden wichtigen Punkt konnte sich die Gewerkschaft nicht durchsetzen. Die Postler vor dem Schweriner Briefverteilzentrum wollen dennoch keine Kritik aufkommen lassen: „Unsere größere Angst war, dass wir noch zehn oder 20 Jahren bei der Post auch von Ausgliederungen betroffen sein könnten“, erzählt eine ältere Kollegin. Diese Angst habe ihnen der Abschluss genommen: „Zumindest die Post-Kollegen haben wieder Sicherheit“, meint Streikleiter Kunow.

52 Tage Streik: „Wir hoffen, dass jetzt wieder Normalität einkehrt“, sagt die Schweriner Zustellerin und weiß doch, dass der Streik beispielsweise nach dem Klo-Verbot das Betriebsklima belastet wird: „Wir werden unsere Arbeit wie sonst auch erledigen.“ Da haben die Postler eine Menge zu tun: Allein in MV warten Schätzungen zufolge mehr als 15 Millionen Briefsendungen auf Zustellung. „Einen Monat werden wir wohl brauchen, ehe alle liegengebliebenen Sendungen zugestellt werden“, erwarten die Schweriner Zusteller. Die Post setze alles daran, schnell wieder in den Normalbetrieb zurückzukehren. Tagesaktuelle Post gehe vor. Es solle aber versucht werden, die Sendungen, die seinerzeit zuerst eingegangen seien, auch zuerst zuzustellen, erklärte Post-Sprecher Martin Grundler gestern. Nur eines ist jetzt schon klar: Verdorbene Ware im Paket, Karten für ein längst gegebenes Konzert im Brief – bei höherer Gewalt übernehme die Post keine Haftung, meint Post-Sprecher Grundler.

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