Fachkräftenot : Handwerker lassen länger auf sich warten

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Fachkräftenot in Betrieben: Kammerpräsident Günther erwartet „skandinavische Verhältnisse“ in MV

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01. November 2014, 07:45 Uhr

Dem Handwerk geht das Personal aus: Die Betriebe in MV können nur noch schwer den Berufsnachwuchs sichern. Die Fachkräftenot droht zur Wachstumsbremse zu werden. Um ihre Mitarbeiter zu halten, haben die meisten Branchen inzwischen die Vergütungen kräftig angehoben, sagte Peter Günther, Präsident der Handwerkskammer Schwerin im Vorfeld des Obermeistertages am kommenden Mittwoch in Güstrow. Torsten Roth sprach mit ihm.

Dem Handwerk geht es so gut wie selten: Ist alles Gerede von der abflauenden Konjunktur in MV nur Panikmache?

Günther: Die gute Auftragslage geht auch über in das Jahr 2015 für die größte Anzahl unserer Handwerksbetriebe. Diese spüren in der Tat noch nichts von einer abflauenden Konjunktur. Aber Konjunkturumfragen sind immer nur Momentaufnahmen und wie schnell sich Bedingungen ändern können, haben wir in der Vergangenheit erlebt. Hinzu kommt, dass Eintrübungen sich häufig erst bei der exportorientierten Industrie zeigen, bevor sie Auswirkungen auf das Handwerk haben.

In den Chefetagen geht die Angst um, die Fachkräftenot hemmt die Entwicklung der Betriebe. Gehen inzwischen Aufträge verloren, weil den Betrieben das Personal fehlt?
Das kann im Einzelfall so sein. Die Aufträge gehen aber in der Regel nicht verloren, es dauert nur deutlich länger, bis sie abgearbeitet werden können. Damit sind in erster Linie die Kunden betroffen, die jetzt Wartezeiten beim Handwerker einplanen müssen. Wenn sich die Fachkräftesituation weiter verschärft, könnten wir in Zukunft „skandinavische Verhältnisse“ bekommen, wo Handwerker rar und teuer sind.
Was will das Handwerk selbst tun, um für Fachkräftenachwuchs zu sorgen?
Wir bemühen uns schon seit Jahren aktiv um die Nachwuchsgewinnung. 2008 haben wir mit Imagekampagnen hier im Land und 2009 im Bund begonnen, viele Betriebe stehen in engem Kontakt zu Schulen, gehen auf Messen, bieten Praktika an und bilden Jugendliche aus EU-Ländern aus. Am 5. November werden sich Handwerker aus dem ganzen Land in Güstrow zum Obermeistertag treffen, der sich mit nichts anderem beschäftigt als mit der Frage, wo wir Azubis finden und wie wir sie langfristig als Fachkräfte und Betriebsnachfolger an das Handwerk binden können. Von dieser Konferenz erwarten wir uns richtungsweisende Ideen und Konzepte.
Haben die Betriebe das Problem verschlafen und sich zu lange auf den bewerberstarken Jahren ausgeruht?
Wir haben in dieser Zeit deutlich über den Bedarf ausgebildet. Die bewerberstarken Jahre waren auch die mit einer schlechteren Konjunktur und man kann sich ja nicht auf Vorrat Mitarbeiter für bessere Zeiten leisten. Dass heute die Schere zwischen Bewerbermangel und guter Konjunktur derart weit auseinanderläuft, war kaum vorauszusehen. Auch der Trend zur Akademisierung, der sich verstärkt hat, macht uns zu schaffen.

Attraktive Jobs haben auch etwas mit guter Bezahlung zu tun: Wann zahlt das Handwerk mehr Geld?
Das tut es in vielen Bereichen längst. In Bauberufen werden zum Beispiel schon seit Jahren hohe Ausbildungsvergütungen gezahlt als Ausgleich für die körperliche Beanspruchung. Mittlerweile haben die meisten Branchen die Vergütungen kräftig angehoben. Das setzt sich bei den Gesellen und Facharbeitern fort.
Das Handwerk beklagt die mangelnde Ausbildungsreife und schlechte Schulabschlüsse: Haben die Betriebe ihre Ansprüche zu hoch geschraubt?
Ein klares Nein. So vielfältig wie das Handwerk sind auch seine Angebote an Jugendliche, ob leistungsstark oder

-schwach. Technisch anspruchsvolle Berufe erfordern aber ein entsprechendes Leistungsniveau. Anders ist die Berufsschule nicht zu schaffen, und wer als Kunde zum Beispiel sein Auto in die Reparatur gibt, will sich ja auch 100-prozentig darauf verlassen können, dass es in gut ausgebildete Hände kommt.
Vor Jahren, als es deutlich mehr Bewerber als Ausbildungsplätze gab, erhielten Betriebe Prämien vom Staat, wenn sie einen Lehrling einstellten. Warum zahlen jetzt nicht die Unternehmen Lehrlingen eine Prämie, wenn sie in den Betrieb kommen?
Die vom Staat damals gezahlten Prämien hatten die Aufgabe bei der Ausbildung der Handwerksbetriebe über den Bedarf die Kosten in den Betrieben abzumildern. Sie waren nie „Kopfprämien“. Es mag sein, dass Handwerker auch jetzt aus den bekannten Gründen im Einzelfall Prämien zahlen. Es wäre aber fatal, wenn Jugendliche nur noch mit „Fangprämien“ gewonnen werden könnten, ohne dass man sie für Berufe mit ihren Anlagen und Neigungen gewinnt. Zum einen setzt dies eine falsche Werteorientierung bei den Jugendlichen und geht zum anderen zu Lasten kleinerer Betriebe.

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