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Volkswerft Stralsund : Geht das Licht für den Schiffbau endgültig aus?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Mario Rasser arbeitet seit 14 Jahren auf der Volkswerft in Stralsund und muss seit Monaten um seine Zukunft fürchten. Als junger Vater und Häuslebauer steht mit dem Job seine Existenzgrundlage auf dem Spiel.

Die dichten Nebelschwaden hängen seit Tagen so tief über der Schiffbauhalle, dass sich der Schriftzug „Volkswerft Stralsund“ nur noch erahnen lässt. Was dort in Zukunft stehen wird, könnte sich heute entscheiden. Denn die Landesregierung muss beschließen, ob in der Werfthalle das Licht für den Schiffbau endgültig ausgeschaltet wird oder nicht.

Seit Monaten herrscht Ungewissheit, wie es mit der Werft weitergeht. Wenn Mario Rasser morgens aufwacht, kreisen seine Gedanken um seine berufliche Zukunft. Ständig habe der Schiffbauer vor Augen, wie viele Tage es noch sind, bis die Monatsverlängerung ausläuft. „Seit Mai 2013 geht das nun schon so“, sagt Rasser. Mal gibt es nur eine Verlängerung für einen Monat, manchmal für drei. An seinem Alltag hat das bislang nur wenig verändert. Zwar gibt es nur noch eine Schicht von 6 Uhr bis 14.50 Uhr, aber er habe immer noch genug zu tun und transportiert Schiffsteile im Akkord. „Es ist spürbar weniger los, das merkt man schon auf dem Parkplatz“, erzählt Rasser. Seit 14 Jahren arbeitet der 29-Jährige auf der Werft. „Keiner weiß, wo die Reise jetzt hingeht. Ich möchte so lange es geht, hier bleiben“, sagt Rasser.

Was ein Verkauf der insolventen P+S Werft für die einst 1200 Beschäftigten bedeutet, ist noch nicht genau absehbar. Schon jetzt sitzen etwa 550 von ihnen zu Hause oder arbeiten in anderen Betrieben zur Probe, erklärt Guido Froeschke, der IG-Metall-Bevollmächtigte für Vorpommern. Etwa 200 sollen schon einen neuen Job in anderen Unternehmen gefunden haben.

Die Hoffnung, dass es irgendwie weitergeht, sei unter den Beschäftigen zwar groß, aber die andauernde Ungewissheit mache ihnen zu schaffen. Für Rasser geht es um alles. Gerade hat er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin ein Haus in einem Vorort von Stralsund gebaut. Sie planen im März mit ihrer zweieinhalbjährigen Tochter einzuziehen. Doch die Vorfreude wird getrübt. Was passiert, wenn er seinen Job verliert? Kann er das Haus dann abbezahlen? Diese Fragen stellt sich nicht nur Rasser fast täglich. Auch seine Familie und Freunde sind besorgt und wollen immer wieder wissen, ob es Neuigkeiten gibt. Für einen anderen Job wegzuziehen, kommt für Rasser vorerst nicht in Frage – schon wegen des Hauses. Doch allein könnte seine Lebensgefährtin das Eigenheim nicht abbezahlen. Sie ist in der Gastronomie tätig.

Trotz allem versucht der Fertigungsmechaniker gelassen zu bleiben. „Alles andere kocht einen nur weich“, sagt der 29-Jährige. Lieber denkt er über die Perspektiven am Standort nach. Mit den Nordic-Werften in Rostock und Wismar sowie der Windkraft-Investmentfirma New Global Wind (NGW) aus Hamburg liegen dem Hauptgläubiger zwei Angebote für den Verkauf der Werft vor. Beide verfolgen unterschiedliche Konzepte. „Ob Schiffe oder Windkraftanlagen – Stahl bleibt Stahl und damit wissen wir umzugehen“, sagt Rasser selbstbewusst.

NGW hat sein Angebot am Sonntag konkretisiert: 80 Millionen Euro sollen in den Standort investiert werden, um dann bis zu 1000 Mitarbeiter beschäftigen zu können. Für den Fertigungsmechaniker zählt bei der Entscheidung der Landesregierung heute nur, wie zukunftssicher das vorgelegte Konzept ist und wie viele Mitarbeiter übernommen werden. Gerade seine älteren Kollegen hätten Angst, sich einen neuen Job suchen und dann womöglich noch einmal auf Montage gehen zu müssen.

Am Eingangstor zur Werft werden diese Sorgen spürbar. Ein rotes Banner der IG Metall mit der unmissverständlichen Botschaft „Stralsund braucht die Werft“ macht die Schiffbauer täglich darauf aufmerksam, dass ihre Zukunft auf dem Spiel steht. Die Parkplätze sind schon jetzt nur noch zur Hälfte belegt. Die Nummernschilder zeigen, wie wichtig die Volkswerft nicht nur für Stralsund, sondern für die ganze Region ist. Aus dem Werfttor kommt ein älterer Mann mit grauem Dreitagebart gelaufen. Im Vorbeigehen sagt er nur: „Hier ist nichts mehr hoffnungsvoll.“ Kurz darauf tauchen zwei weitere Schiffbauer am Tor auf. Auch sie sind sehr kurz angebunden und sagen, dass sie jetzt abwarten wollen, was passiert. In den vergangenen Monaten hätten sie schon zu viele Versprechen gehört. „Hier kann man nichts mehr glauben“, sagt einer der beiden.

Nachdem die Männer im Auto verschwunden sind, wird es wieder still. Während aus der Ferne fahrende Gabelstapler zu hören sind, kommt doch noch ein junger Mann vom Gelände spaziert. Er erzählt, dass er auf der Werft gearbeitet habe und wie viele seiner Kollegen derzeit zu Hause sitze. Um sich weiterzubilden, macht er gerade ein paar Schweißer-Scheine. Ob er noch einmal zurück auf die Werft kommen wird? Er zuckt die Schultern und sagt: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Er hat in jedem Fall einen Plan B. Momentan schaue er sich intensiv nach neuen Arbeitsstellen um. Bei der Polizei und beim Zoll habe er sich schon beworben. Doch eine Umschulung bedeute für ihn erst einmal, kaum Geld zu verdienen. Weiter im Schiffbau zu arbeiten, wäre für ihn mit einem Umzug verbunden. „Aber meine Familie möchte ich nicht einfach zurücklassen.“

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erstellt am 21.Jan.2014 | 11:45 Uhr

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