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MV auf der Grünen Woche : Für eine Woche in der heilen Welt

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erstellt am 25.Jan.2014 | 09:19 Uhr

„Ich brauchte ein bisschen Zeit zum Eingewöhnen. Direkt neben meiner Kasse ist ein Pfahl. Der heißt Otto.“ Keck plaudert „Tante Inge“ von der Seeperle Wismar über die neuen Stände der MV-Halle auf der Grünen Woche in Berlin. Die Aussteller, die nicht von einer Kogge oder aus einem eigenen Stand servieren, stehen in neuen hellen runden Verkaufshäuschen. Die weiß gestrichenen Holzbauten lockern das Hallenbild auf im Vergleich zu den kastenförmigen Buden im vergangenen Jahr.

Die Stimmung ist ausgelassen, als „super“ bezeichnet sie Marlies Behnke von den Ludwigsluster Fleisch- und Wurstspezialitäten. Eine Wursttüte mit einem Kilo Inhalt verkauft sie für 9,99 Euro. Die ein Meter lange Salami passt da nur geteilt hinein. „Viele unserer Kunden kommen gezielt. Etliche Gesichter kennen wir aus den anderen Jahren schon“, sagt Behnke. Die Kauflaune ist dieses Jahr noch größer, hat Daniel Schönfelder festgestellt. Er bietet die Produkte von Deutschlands größtem Sanddorn-Anbaugebiet in Ludwigslust an. Neu im Sortiment und direkt ein Renner: Sanddornsenf.

Doch so rosig, wie sich Mecklenburg-Vorpommern auf der Messe zeigt, sieht es längst nicht überall im Land aus. Das wurde in einer Gesprächsrunde zur Entwicklung des ländlichen Raumes deutlich, zu der sich Experten aus Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein getroffen haben. Thomas Reimann, Referatsleiter für den ländlichen Raum beim Landwirtschaftsministerium in Schwerin, zeichnet ein düsteres Bild: „Nur noch jedes 30. Dorf hat überhaupt noch so etwas wie eine Schule oder einen Sportverein. Und wir sehen, dass bei erzwungenen Gemeindehochzeiten die letzten noch Engagierten auch wegbrechen.“ Seine Schlussfolgerung: Die kleinen Gemeinden müssen auch bei Fusion noch ihre Stimmen behalten und politisch mitentscheiden dürfen.

Die Probleme seien alltägliche, wie Prof. Henning Bombeck von der Universität Rostock feststellt. „Wir haben Jugendtreffs, die keine Jugendlichen haben, weil sie nicht hinkommen.“ Der öffentliche Nahverkehr ist für den Entwicklungsforscher eine entscheidende Stellschraube, an der gedreht werden muss. Sein Kollege Ulf Hahne von der Universität Kassel rät zu freiwilligen Fusionen. „Die kleinen Dörfer müssen nachdenken, was sie in den nächsten zehn Jahren leisten können und was lieber ein Nachbardorf leisten sollte.“ Wenn Dörfer erhalten bleiben sollen, müssen sie also zu Regionen werden.

Die Besucher der Grünen Woche müssen sich darüber keine Gedanken machen. Sie schlemmen und haben Spaß – für eine Woche in der heilen Welt der Messe.

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