Greifswald-Wieck : Fischer Heiden auf Heringsfang

„De Fischerie is mine Medizin“: Martin Heiden fährt mit vollen Stellnetzen über den Greifswalder-Bodden.
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„De Fischerie is mine Medizin“: Martin Heiden fährt mit vollen Stellnetzen über den Greifswalder-Bodden.

Viele Kollegen gaben auf, er macht weiter: 76-Jähriger wirft seit 55 Jahren die Netze aus / EU-Fangquoten drücken die Stimmung

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25. März 2014, 11:45 Uhr

Ohne den Himbeertee von Ehefrau Brigitta geht am Morgen bei dem Greifswalder Fischer Martin Heiden nichts. Seit Heiden Fischer ist, steht seine Frau während der Heringssaison mit ihm um 4 Uhr auf, füllt den frischgebrühten Tee in die Thermoskanne und schmiert das Stullenpaket. Eingespielte Routine, eine feste Konstante seit immerhin 55 Jahren. „Dat will se so“, sagt Heiden und lächelt.

Vieles hat sich in dem halben Jahrhundert um Heiden verändert. Fischerkollegen kamen und gingen. Doch Heiden blieb seinem Beruf treu. „Man is Fischer oder man will blot Geld verdeenen“, sagt er.

Heiden hat sich für das Fischersein entschieden – wie schon sein Vater und sein Großvater vor ihm.

Um 4.30 Uhr nimmt der 76-Jährige an diesem Frühlingsmorgen mit seinem Kutter „Wie 29“ Kurs auf den Greifswalder Bodden. Seit zwei Wochen steht der traditionelle „Brotfisch“ der Fischer, der Frühjahrshering, in den Küstengewässern der Ostsee. Drei Seemeilen vor dem Hafen, dort wo Heiden am Vortag die Stellnetze ins Wasser gesetzt hat, liegt heute die Ungewissheit. Volle Netze, leere Netze? „Dat is ja dat Interessante. Jeeden Dag ne Überraschung.“

Etwa 70 Prozent aller Fänge in Mecklenburg-Vorpommern sind nach Angaben des Landesverbandes der Kutter- und Küstenfischer Heringe. Deshalb gilt der Fisch, dessen Hauptlaichgebiet im Greifswalder Bodden liegt, als „Brotfisch“. Die Reduzierung der Fangquote für den begehrten Fisch um fast ein Viertel allein in diesem Jahr habe die Fischer hart getroffen, sagt Vize-Verbandschef Michael Schütt. Seit 2007 seien die erlaubten Fangmengen um mehr als 50 Prozent zurückgegangen. Junge Leute sehen keine Perspektive im Beruf. „Die Lage ist katastrophal.“

Die See ist ruhig. Kein Wind geht. Über die motorbetriebene Rolle hieven Heiden, sein Kollege Frank Will und Fischereihelfer Eckard Heukert wenig später die prallen Netze an Bord – 4,5 Tonnen. Ein guter Tag. Nach einer kurzen Pause, einem Schluck Himbeertee und einer Zigarette lenkt Heiden den Kutter zurück in den Hafen, der Morgendämmerung entgegen.

Heiden erinnert sich, als er und seine Kollegen die Netze noch per Muskelkraft an Bord zogen. Eine schwere Arbeit sei das gewesen – ohne den motorbetriebenen Netzholer. 200 Tonnen Hering im Frühjahr fing Heiden vor der Wende. Fette Jahre waren das. Nachhaltigkeit war ein Fremdwort. Für ein Kilo Hering bekam der Fischer 1,40 Ostmark. Im Laden ging der subventionierte Fisch für eine Mark über die Theke. Ein Irrsinn. „Dordran sünd we inne DDR all koputt gahn“, sagt Heiden, zurück an Land.

Am Kai beginnt er zusammen mit seinen Kollegen den Hering aus den Netzen zu pöken. Die Silberlinge gehen zur Weiterverarbeitung nach Dänemark, wo bessere Preise erzielt würden als im heimischen Fischwerk Sassnitz.

Heiden ist nun seit 24 Jahren Teil der Marktwirtschaft. Den Kutter, den er seit 1985 steuerte, aber nicht besaß, kaufte er nach der Wende für 3000 Westmark von der Produktionsgenossenschaft. Seine Fangmenge wird inzwischen von der EU limitiert, die auf eine ökologische Bewirtschaftung der Meere drängt. Die Stellnetzfischerei sei doch im Gegensatz zu der den Meeresboden zerstörenden Schleppnetzfischerei umweltfreundlich, kontert Heiden. Das müsse doch anerkannt werden. 47 Tonnen Hering darf er in diesem Jahr fangen – 23 Prozent weniger als im Vorjahr. Er würde gern mehr Fisch aus der Ostsee holen. Doch wenn er das täte, würden ihm hohe Strafen drohen. Reich werden, geht nicht mehr. „De Tiden sünd vörbi.“

Ende 2012 arbeiteten in Mecklenburg-Vorpommern nach Angaben des Agrarministeriums 277 hauptberufliche Kutter- und Küstenfischer, rund 750 weniger als vor 25 Jahren. Vize-Fischereiverbandschef Schütt schätzt, dass allein im vergangenen Jahr 40 weitere Fischer das Handwerk aufgegeben haben.

Fischer Heiden könnte in den Ruhestand gehen, doch er will nicht. „De Fischerie is mine Medizin.“


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