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Entspannt an die Zapfsäule

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erstellt am 04.Apr.2012 | 12:11 Uhr

Berlin/Schwerin | Eine Hiobsbotschaft jagt die nächste. Gerade wurde der März 2012 zum teuersten Tank-Monat aller Zeiten ausgerufen, da meldet sich der Allgemeine Deutsche Automobilclub zu Wort: Nirgendwo in Deutschland kostet der Sprit mehr als in Mecklenburg-Vorpommern, lautet die Kunde. Demnach lag der Durchschnittspreis im Nordosten gestern 1,9 Cent über dem von Nordrhein-Westfalen, wo Kraftstoff am günstigsten war. "Wenn man irgendwo nicht tanken sollte, dann in Mecklenburg-Vorpommern", sagt ADAC-Benzinpreisexperte Carsten Willms. Für den Liter E10 mussten Kraftfahrer in MV im Schnitt 1,689 Euro hinlegen, für Super drei Cent mehr. Besonders teuer werde es auf Inseln wie Rügen, so der Fachmann.

Tankfüllung in Kilogramm statt in Litern

Und doch gibt es sie hier wie anderswo - Autofahrer, die entspannt zur Tankstelle rollen können, denen die Preispolitik der Mineralölkonzerne einerlei ist und auch die Machtlosigkeit von Politik und Kartellamt. Sie kaufen ihren Treibstoff nicht literweise sondern in Kilogramm, denn sie zapfen Erdgas. Derzeit zahlen sie pro Kilogramm rund einen Euro - und fahren damit günstiger und weiter als die Besitzer von Benzin- und Dieselkutschen.

"Ein Kilo Erdgas hat die gleiche Leistung wie anderthalb Liter Benzin", sagt Frank Schmetzke, Geschäftsführer der Stadtwerke Neustrelitz, der in Mecklenburg-Vorpommern Vorstandsvorsitzender der Initiative erdgas-mobil ist. Vereint unter dieser Marke bemühen sich Energieversorger und Unternehmen der Gaswirtschaft auf Länder- wie Bundesebene darum, Erdgas und Bioerdgas als Kraftstoffe voranzubringen. Ein Unterfangen, das bisweilen an die Beziehung von Liliputanern zum Riesen Gulliver erinnert.

Dabei hat die Gas-Lobby gute Argumente vorzubringen: "Erdgas ist die ökologischste Alternative zu Benzin und Diesel", sagt Frank Schmetzke. Im Vergleich zu Diesel- und Benzinmotoren entstehen 21 beziehungsweise 25 Prozent weniger Treibhausgas Kohlendioxid. Diese Werte lassen sich noch deutlich verbessern - durch die Mischung von Erdgas mit Bio methan, das aus Bioabfällen und aus nachwachsenden Rohstoffen gewonnen wird. Nach Berechnung der Deutschen Energieagentur (dena) senken 20 Prozent Biogas im Erdgas den CO2-Ausstoß um fast 40 Prozent. Reines Biomethan gilt demzufolge als nahezu CO2-neutral.

Frank Schmetzke verweist zudem auf steuerliche Vergünstigungen für Erdgas-Fahrzeuge, die mindestens bis 2018 garantiert sind. "Nehmen wir einen VW Passat, der als Benziner 186 Euro und als Diesel 266 Euro Steuer pro Jahr kostet. Das Erdgasmodell ist mit 42 Euro dabei." Darüber hinaus bieten viele Gasversorger Autofahrern beim Umstieg auf Erdgas eine Förderung. Die Internet-Seite www.erdgas-mobil.de gibt einen Überblick über Vergünstigungen in den unterschiedlichen Regionen. Die Stadtwerke Neustrelitz beispielsweise gewähren ihren Kunden im Raum Mecklenburgische Seenplatte für ein neu zugelassenes Erdgas-Fahrzeug 1000 Kilogramm Erdgas kostenlos. Aus Sicht von Frank Schmetzke zeigt eben das aber auch, "dass der Markt noch nicht funktioniert wie erhofft".

Dabei steigt die Zahl der Erdgas-Mobile stetig - im Vergleich von 1998 zu heute von bundesweit 2000 auf rund 98 000 Kfz. Gemessen an der Gesamtzahl der Wagen auf deutschen Straßen - rund 45 Millionen - ist die Zahl allerdings immer noch verschwindend gering. In Mecklenburg-Vorpommern sind derzeit knapp 7800 Erdgas-Fahrzeuge registriert, beim Nachbarn in Berlin-Brandenburg 7450. Bernd Zimmermann, Geschäftsstellenleiter von erdgas-mobil Berlin-Brandenburg in Strausberg, erwartet in diesem Jahr noch einen merklichen Zuwachs angesichts der Diesel- und Benzinpreise. Schon im Januar 2012 wurden 8 Prozent mehr Erdgas-Fahrzeuge zugelassen als im Januar 2011. "Zum Herbst dürfte es nochmals einen Ruck geben", schätzt er ein. Für einige Erdgas-Modelle bestehe bereits eine Wartezeit von mehreren Monaten.

Mineralölwirtschaft als Bremsklotz

Mittlerweile baut die Industrie Erdgas-Autos der 3. Generation. "Waren die Fahrzeuge anfangs schon so etwas wie eine rollende Verzichtserklärung, ist jetzt kein Unterschied mehr zu spüren", sagte Claudia Petersen, Leiterin Kommunikation bei der Bundesinitiative erdgas-mobil. Und: "Wir empfehlen Serienfahrzeuge statt eine Umrüstung." Die Vielfalt der Modelle wachse, stellt sie mit Fingerzeig auf Firmen wie Fiat, Opel, Volkswagen, Audi, Skoda und Mercedes fest.

Dennoch bleibt das Aber, der Gulliver, dem die Liliputaner gegenüber stehen - die Mineralölwirtschaft. Wer Erdgas fährt, muss Umwege in Kauf nehmen und Zapfsäulen gezielt ansteuern. Zwar knüpfen die Erdgas-Förderer seit 15 Jahren tüchtig am Netz von Tankstellen, doch es ist zum Teil noch immer weitmaschig. An 900 Standorten bundesweit gibt es Erdgas-Zapfsäulen, meist mit einem grünen Blatt versehen: in Berlin sind es 18, in Brandenburg 48, in Mecklenburg-Vorpommern 26, eine einzige davon steht auf der Insel Usedom. Gerade in einer Touristenregion sollten es ein paar mehr sein, wie Frank Schmetzke einräumt.

Theoretisch kein Problem: Wo eine Erdgasleitung verläuft, könnte gezapft werden, sofern ein Verdichterhäuschen den Leitungsdruck von 20 bis 30 bar auf 220 bar Tankdruck erhöht. Zwischen 200 000 und 300 000 Euro kostet es, wenn Stadtwerke oder Gasversorger an einer bestehenden Tankstelle eine Erdgas-Säule installieren. Neben dem Pächter muss der Mineralölkonzern zustimmen - nicht selten eine Hürde, wie Frank Schmetzke kritisiert. "Das liegt einfach daran, dass die Mineralölkonzerne das nicht als lukratives Geschäftsmodell sehen. Man gestattet es, dass wir uns irgendwo mit einklinken. Und das gerade so." An der Autobahn verkaufen oft nur die etwas abseits gelegenen Autohöfe Erdgas, während Tankstellen bei Benzin und Diesel bleiben. Dennoch sieht Frank Schmetzke die Zukunft von Erdgas als Kraftstoff zuversichtlich: "Der Prozess ist nicht mehr aufzuhalten", sagt er. Was die Automobilindustrie längst erkannt habe und auch beim Autofahrer mehr und mehr Interesse finde, werde die Mineralölkonzerne gewiss nicht unbeeindruckt lassen.

Informationen unter www.erdgas-mobil.de

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