Einwanderer im Tierreich

Viele Tiere sind eingeschleppt worden / Manche gelten als Bedrohung, andere als Bereicherung

svz.de von
24. Juli 2015, 14:35 Uhr

Einwanderer in der Tierwelt wie Waschbär oder Marderhund werden oft als Bedrohung für heimische Arten gesehen. Dabei trifft das nur in wenigen Fällen zu: „Die Schäden sind bisher im Rahmen geblieben“, sagte der Biologe Ragnar Kinzelbach. Irgendwann würden sich die Neuankömmlinge ins Ökosystem einfügen, oft seien sie eine Bereicherung. Der Zoologie-Professor an der Uni Rostock baute die größte Datenbank der Neozoen – der eingeschleppten Tierarten – in Deutschland auf.

Der Vorsitzende des Naturschutzbundes in MV, Stefan Schwill, sieht Gefahren für heimische Tiere und würde die Verbreitung von Neubürgern begrenzen, wo es möglich sei, etwa bei den Nandus in Nordwestmecklenburg. Zu den markantesten Neulingen gehört Kinzelbach zufolge der Mink. Der Amerikanische Nerz sei zugleich der Einwanderer, der den größten Schaden anrichte. Er wurde in Farmen gehalten, nachdem der Europäische Nerz wegen seines Pelzes nahezu ausgerottet war. In den 1950er-Jahren ließen Tierschützer Minks frei, darunter in Güstrow. Mit einer „Katastrophe für die Natur“, sagt der Zoologe. Der Mink habe sich im ganzen Land etabliert. Teichhühner und Stockenten, deren Gelege er ausnehme, erlitten erhebliche Einbußen. „Es wäre sinnvoll, da regulierend einzugreifen“, meinte Kinzelbach.

Große Angst gab es vor dem Marderhund, der in Osteuropa wegen seines Fells gehalten wurde und vor Jahren nach Deutschland kam. Es sei die Konkurrenz zum Fuchs befürchtet worden, sagt Kinzelbach. Der Enok ernähre sich aber überwiegend von Kartoffeln, Rüben und Getreide. Vor etwa vier Jahren reduzierten zwei Seuchen den Bestand des Marderhundes auf zehn Prozent. „Das ist ein gutes Beispiel, wie sich Probleme oft von selbst regeln“, meinte der Professor.

Große Ähnlichkeit mit dem Marderhund hat der Waschbär, der in den 1930er-Jahren in Deutschland ausgesetzt wurde. „Allerdings will er immer Fleisch“, sagte Kinzelbach. An Gewässern leben zudem Bisam und Nutria, die ebenfalls als Pelztiere eingeschleppt wurden. Sie seien harmlos, würden allerdings Löcher in Deiche graben.

Der Nandu, ein flugunfähiger Schreitvogel aus Südamerika, gehört zu den jüngsten Einwanderern in MV. Kurz vor der Jahrtausendwende büxte er aus einer Haltung in Schleswig-Holstein aus und ließ sich in Nordwestmecklenburg nieder. Der Bestand ist auf mehr als 100 Tiere angewachsen. „Wir haben mit ihnen keine negativen Erfahrungen gemacht“, sagte der Landwirt Uwe Hader, Chef der Agrargenossenschaft in Lüdersdorf. Kinzelbach hält den Nandu für eine Bereicherung der Natur. Aus naturschutzfachlicher Sicht sollte die Population der Nandus verhindert werden, da man nicht wisse, wie sich ein größerer Bestand verhalten werde, sagt Schwill. Als Kompromiss würden Eier aus den Gelegen genommen.

Eingebürgert hat sich auch die aggressive Nilgans, die in Rostock auf der Marienkirche in 100 Metern Höhe brütet, und der Silberreiher. Ohne menschliches Zutun kam die Türkentaube nach Norden. Fremde Fische wurden häufig von Anglern eingesetzt, wie Helmut Winkler von der Uni Rostock berichtete. Einige Fische, kleine Krebse und Muscheln seien auch mit dem Ballastwasser von Schiffen gekommen. So breitet sich seit 30 Jahren die Schwarzmundgrundel in der Ostsee und in Flüssen aus. „Wir werden sie nicht mehr los“, urteilte Winkler. Der Süßwasserfisch fresse Muscheln und Schnecken und werde selbst von Zander, Barsch und Aal sowie dem Kormoran gefressen. Er sei aber auch ein guter Speisefisch. Auch die Wollhandkrabbe kam mit dem Ballastwasser. Fischer vermarkten sie heute an Asia-Restaurants.

Wolf, Elch und Biber zählen indes nicht zu den Einwanderern. Sie waren in Deutschland heimisch und kehren nun wieder zurück.

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