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Fehmarnbeltquerung : Ein Tunnel für die nächste Generation

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Feste Verbindung: Dänen wollen Mitte 2015 mit dem Bau der Fehmarnbeltquerung beginnen / Firmen aus MV hoffen auf Millionenaufträge / Bauverzug auf deutscher Seite

svz.de von
erstellt am 03.Feb.2015 | 12:00 Uhr

Dem Termin sehnt er sich seit mehr als zehn Jahren entgegen: „Das ist ein Projekt für die nächste Generation“, schwärmt Siegbert Eisenach – das größte Tunnelbauprojekt weltweit. Eine feste Verkehrsverbindung zwischen Deutschland und Skandinavien – ein Wachstumsbringer auch für MV, ein Milliardenprojekt, das in MV für Arbeit sorgen könnte. Nach der Küstenautobahn 20 und der neuen Nord-Süd-Trasse A 14 steht für Eisenach fest: „Das ist eines der wichtigsten Verkehrsprojekte für Mecklenburg-Vorpommern.“ Mitte 2015 wollen die Dänen mit dem Bau des Jahrhundertprojektes beginnen. Spatenstich für die feste Fehmarnbeltquerung zwischen Putgarden in Deutschland und Rødbyhavn in Dänemark.

Seit Jahren wirbt der Schweriner IHK-Geschäftsführer Eisenach in Westmecklenburg für ein bei Umweltschützern umstrittenes Projekt. 18 Kilometer lang, eine vierspurige Straße unter der Ostsee, für zehn Minuten Fahrt bei 110 km/h, dazu zwei Röhren für den Bahnverkehr mit bis zu 200 km/h schnellen Zügen statt 45 Minuten Fährüberfahrt und Wartezeit auf das nächste Schiff – „das schafft Unabhängigkeit von Wind und Wetter“, meint Eisenach. Mehr als sechs Milliarden Euro teuer, von Dänemark bezahlt und erst im Jahr 2060 abbezahlt: Die Unterführung lässt Skandinavien dichter an Mitteleuropa rücken.

Die Tunnelbauer werben mit der modernen Infrastruktur, die die Fahrt mit Hochgeschwindigkeitszügen zwischen Kopenhagen und Hamburg auf 2 Stunden und 45 Minuten schrumpfen lässt – fast zwei Stunden Zeitgewinn zu bisherigen Verbindungen im Nord-Süd-Korridor von Skandinavien nach Südeuropa. Und Westmecklenburg mittendrin: Die Region werde zwischen Kopenhagen und Berlin an Bedeutung als Logistik- und Produktionsstandort gewinnen, hofft Eisenach: „Wir wollen für unsere Wirtschaftsstandorte mehr herausholen als nur Transitverkehre.“

Die Chance besteht: Mit dem neuen Tunnel würden künftig die Verkehrsströme zwischen Skandinavien, Deutschland und Südeuropa neu geordnet. Da biete besonders die Region am neuen Kreuz der Autobahnen 14 und 24 zwischen Ludwigslust, Grabow und Neustadt-Glewe beste Standortbedingungen u. a. für Logistiker, meint der Kammerchef und drängt auf den Ausbau der Eisenbahnstrecke Lübeck-Bad Kleinen mit einem Gleisbogen bei Bad Kleinen und dem Weiterbau der A 14. Nach dem Bau der festen Fehmarnbelt-Querung könnte die schnellste Zugverbindung von Kopenhagen nach Berlin über Lübeck und Schwerin entstehen.

Allerdings: Die ersten Träume vom Wachstumsbringer Fehmarnbelt-Querung sind bereits geplatzt. Millionenaufträge für die heimische Wirtschaft hatte sich die Kammer vor viereinhalb Jahren erhofft. Ein „Wachstumsschub für die Region“, sah die IHK Schwerin voraus, hoffte auf die Zusammenarbeit zwischen Norddeutschland und Dänemark – z. B. beim Bau der Tunnelsegmente. Wismar, Rostock, selbst Stralsund malten sich Chancen als Bauhafen aus, in dem die gigantischen Segmente gefertigt werden sollten – Arbeit für 2500 Beschäftigte, sechs Jahre lang, glaubte IHK-Chef Eisenach 2011. Aus dem Geschäft wird nichts mehr: „Das ist vom Tisch“, muss er jetzt eingestehen. Dänemark zahle den Tunnel, dann halte Dänemark auch die Arbeit im Land – in einer eigens errichteten Fabrik in Rødbyhavn: 79 Segmente, jedes 217 Meter lang, 73 000 Tonnen schwer, pro Segment in sieben bis acht Tagen gefertigt.

Ernüchterung auch in der Auftragsberatungsstelle MV (ABST): Ein vor Jahren gestartetes Projekt, Firmen aus Norddeutschland bei der Auftragsaquise zu unterstützen, ist vorerst zu den Akten gelegt. In Westmecklenburg werden kleinere Brötchen gebacken: Für den Tunnelbau müsse z. B. am Bauhafen eine Siedlung für tausende Beschäftigte errichtet werden, erklärt Eisenach. Verpflegung, Dienstleistungen – Auftragschancen für Firmen aus MV. ABST-Chef Klaus Reisenauer sieht noch mehr Arbeit: Leuchten, Signale, Kabel, Malerarbeiten, Ausbau der Tunnelsegmente – Bietergemeinschaften aus MV hätten Chancen, Aufträge im Wert von bis zu zwei Millionen Euro zu erhalten, erklärt er.

Inzwischen scheint auch die Wirtschaft in der Region Rostock ihren Frieden mit dem umstrittenen Tunnelprojekt zu machen. Der Hafen Rostock sieht das Projekt gelassen: „Die Fehmarnbelt-Querung wird den Hafen nicht sehr bedrohen“, erwartet Ex-Hafenchef Ulrich Bauermeister. Im Verkehr nach Dänemark werde es kaum zu „einschneidenden“ Verlusten kommen. Verlierer sei Lübeck. „Wenn ein Hafen leiden wird, dann der, der, an der Grenze des neuen Tunnels liegt.“ Der Fehmarnbelt-Tunnel zum Trotz, wird der Hafen Rostock in den kommenden Jahren deutlich mehr Fracht umschlagen. Erze, Getreide, Futtermittel, Kohle, Baustoffe: Bis 2030 rechnen Experten mit einem Zuwachs von durchschnittlich 2,2 bis 2,5 Prozent im Jahr.

Noch lässt der Tunnel aber auf sich warten. Im Februar will die dänische Regierung das Tunnelbau-Gesetz in das Parlament einbringen. Doch wie bei Großprojekten mittlerweile üblich: Der erste Zementsack ist noch nicht angemischt, da explodieren die Kosten schon. 5,1 Milliarden Euro standen zunächst auf dem Kostenplan, dann 5,6 Milliarden Euro, nach neuesten Berechnungen sind es jetzt schon 6,2 Milliarden Euro – ein Ende ist nicht in Sicht. Die Schätzungen für das Budget hätten sich verändert, versichert die Planungsfirma Femern schnell. Die höheren Kosten seien allein durch die Inflation bedingt.

Kostenanstieg auch an der deutschen Küste: Die schleswig-holsteinische Bundestagsabgeordnete Bettina Hagedorn (SPD) rechnet bereits mit einer Vervierfachung der Ausbaukosten für die Verkehrsanbindung auf deutscher Seite auf drei Milliarden Euro – inklusive einer neuen Fehmarnsundbrücke und der Fertigstellung einer neuen Bahntrasse 2026. Zu spät: Die dänischen Tunnelbauer wollen bereits 2022 den Verkehr durch die Ostseeröhren schicken und gingen davon aus, dass bis dahin auch die deutsche Hinterlandanbindung fertiggestellt ist. Daraus wird nichts: Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) weiß seit Monaten, dass die Schienenanbindung nicht rechtzeitig fertig werden wird. In einem Brief an seinen dänischen Amtskollegen Magnus Heunicke schreibt er, dass „mit einer Verzögerung von mehreren Jahren“ gerechnet werden müsse. Der Grund: Für die Bahnverbindung zwischen Lübeck und Puttgarden soll anders als geplant nicht die Bestandstraße ausgebaut werden. Stattdessen sei ein „weitgehender Neubau“ an der Autobahn 1 geplant. Nun wird befürchtet, die Dänen könnten den Tunnel öffnen, bevor Deutschland die Hinterlandanbindung umgesetzt hat.

 


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