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Energiepolitik : Egoistische Windpark-Planungen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Henry Daartz aus Neuburg: Mehrheit der Städter plädiert für Öko-Kraftwerke auf Kosten der ländlichen Regionen

svz.de von
erstellt am 23.Feb.2015 | 12:41 Uhr

MV will in zehn Jahren zu einem der größeren Stromlieferanten Deutschlands aufsteigen. Vorrang haben erneuerbare Energien – vor allem Windkraft. Kaum ein anderes Thema sorgt aber derzeit für so viel Streit. Neue Anlagen im Land: Jobmotor für MV oder Umweltsünde? Darüber wollen wir in einer Serie debattieren – mit Lesern, Politikern, Lobbyisten, Bürgermeistern, Kritikern, Hersteller:

 

„Auf eines fremden Mannes Arsch ist gut durchs Feuer reiten“ (Martin Luther)

 

Verbreitet ist der Gedanke, dass die Mehrheit des Volkes über die Minderheit demokratisch entscheiden und ihren Willen durchsetzen sollte. Die Sache hat nur manchmal einen Haken. Die Mehrheit spürt oftmals gar nicht, was ihre Entscheidung für andere an Negativem bedeutet. Beispiele: Braunkohle, Fracking und Windindustrieanlagen. Die Zustimmung der Bevölkerung zur Windindustrie soll über 90 Prozent betragen. Ja, klar. Berliner, Hamburger oder andere Stadtbewohner – die sind selten von Braunkohle oder der Windindustrie betroffen. Die können leicht zustimmen. Die Windindustrie findet nun mal im Wesentlichen auf dem Land statt. Darf in einem solchen Fall das Mehrheitsprinzip angewandt werden? Ist das mit Demokratie gemeint? Auf eines fremden Mannes Arsch…

Ich darf am Beispiel meines kleinen idyllischen Dorfes, Neuburg, erläutern, was uns passiert, wie man uns mitspielt. Es ist knapp zehn Jahre her, da wurde in einer Dorfversammlung unter einigermaßen Tumult entschieden, wir wollen keine Windindustrieanlagen. Die Gemeinde hielt sich aus derartigen Planungen, dem Willen der Bevölkerung entsprechend, zurück. Das war/ist Demokratie.

Aber es holte uns ein. 5 km zu dem einen Windgebiet, 5 km zu einem zweiten, jetzt 1,5 km zu einem dritten. (Planungen zu Erweiterungen liegen vor.) Dazu kamen zunächst zwei Transformatoren nördlich. Deren Brummen störte die Bewohner im Süden nicht. Aber da wurde eine ganze Umspannstation gebaut, deren Brummen hört man nun permanent, überall. Was hat diese Zerstörung der menschlichen Umwelt mit Schutz der Natur zu tun? Ist das Demokratie?

Die Stadt Parchim – Nachbargemeinde – trieb Planungen zum Ausbau des Windindustriegebietes voran. Um die Gegenwehr der Städter gering zu halten plante man Transformatoren und Windfeld möglichst weit weg von der Stadt – und damit dicht an unserer Gemeinde. Was ist das für eine Demokratie, wenn man sich selbst das Zeug vom Hals schafft und anderen Menschen aufbürdet. Das ist egoistisch. Aber das passt zu den Verantwortlichen der Stadt Parchim, die dem zugestimmt haben.

Man hat mit uns geredet. Soweit funktioniert Demokratie. Gebracht hat es nichts. Ich kann nur allen Menschen in ähnlichen Situationen empfehlen: Lasst euch nicht durch Reden hinhalten oder einlullen. Ihr braucht einen guten, ehrlichen, kämpferischen, fachkundigen Rechtsanwalt – und Geld. Das alles zu haben ist nahezu unmöglich – und nur deshalb kann die Windindustrie, können die Planer so hemmungslos und menschenverachtend planen.

Das Gebiet zwischen Neuburg und Parchim war ca. 400 Meter an den Dorfrand Paarsch geplant. Laut Abstandskriterien mussten es aber 800 m mindestens sein. Obwohl wir in den Gesprächen darauf hinwiesen, änderte die Stadt Parchim nichts, sie hatte alle Rechte dazu. Also blieb nur der Weg der Klage. Dank der Spendenfreudigkeit der Bevölkerung konnten wir das. Das Gericht gab uns recht, die Anlagen mussten 800 Meter weg. Aber mehr tat das Gericht auch nicht. Wir verwiesen in der Klage auf den Rotmilan, den Weißstorch, Fledermäuse, Kraniche, Landschafts- und Vogelschutzgebiet und und und… All das wurde mit dem Hinweis, der eigentliche Grund der Klage wäre erledigt, da die Anlage 800 Meter weg gebaut würde, gar nicht erst behandelt. Demokratie ist aber auch, wenn sich die Mecklenburger in der Initiative „Freier Horizont“ sammeln und diesem Treiben Einhalt gebieten.

Auf unserem „Arsch“ wird nicht länger durch Feuer geritten!

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