Wendelstein 7-X : Die Sonne auf die Erde holen

Der Direktor am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik, Thomas Klinger, steht vor dem 725 Tonnen schweren, ringförmigen Plasmagefäß für das Kernfusionsexperiment 'Wendelstein 7-X'.
Der Direktor am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik, Thomas Klinger, steht vor dem 725 Tonnen schweren, ringförmigen Plasmagefäß für das Kernfusionsexperiment "Wendelstein 7-X".

Kernfusionsexperiment „Wendelstein 7-X“ erhält Betriebsgenehmigung - Anerkennung und Kritik für das Projekt

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30. November 2015, 18:26 Uhr

Gut 19 Jahre nach dem ersten Antrag auf Errichtung einer Anlage für das Kernfusionsexperiment „Wendelstein 7-X“ wird nun die Betriebsgenehmigung erteilt. Voraussichtlich in der kommenden Woche werde dieser Schritt erfolgen, sagte der Direktor des zuständigen Landesamts für Gesundheit und Soziales, Heiko Will, gestern in Rostock. Alle technischen Voraussetzungen beim Greifswalder Max-Planck-Institut für Plasmaphysik seien erfüllt, nun könnten die Experimente starten. Wissenschaftler des TÜV Rheinland hatten im Auftrag des Landesamts die technischen Voraussetzungen geprüft.

Bei der Kernfusion soll Energie wie auf der Sonne durch die Verschmelzung von Atomkernen gewonnen werden. „Wendelstein 7-X“ ist früheren Angaben zufolge neben einer Anlage in Japan das weltweit größte Fusionsexperiment.

Wie Will weiter sagte, handelt es sich um eine Investition von rund einer Milliarde Euro. Rund 500 hoch qualifizierte Arbeitsplätze seien in Greifswald entstanden. Will bezeichnete die Fusionsforschung als einen der „Leuchttürme Mecklenburg-Vorpommerns“.

Wie die Sprecherin des Max-Planck-Instituts, Beate Kemnitz, sagte, werden nach der Erteilung der Betriebsgenehmigung in Kürze die ersten Fusionsexperimente mit der Erzeugung eines Helium-Plasmas starten.

Dies geschieht bei Temperaturen von bis zu zehn Millionen Grad Celsius. In einem zweiten Komplex erfolge die Bildung eines Wasserstoffplasmas, erst zu einem späteren, noch nicht bekannten Zeitpunkt werde mit Deuterium gearbeitet, einem natürlichen Isotop des Wasserstoffs. „Dann wird auch der Strahlenschutz relevant.“

Mit der Genehmigung wird auch die Kritik an dem Projekt nicht abreißen. „Wir haben nach wie vor erhebliche Sicherheitsbedenken“, sagte Corinna Cwielag, Landesgeschäftsführerin der Umweltschutzorganisation BUND. Ein Gutachten habe ihre Bedenken zur Abschirmwirkung der Halle nicht völlig ausgeräumt.

„Wir sind auch nicht der Meinung, dass wir die Fusionstechnik für die Energieversorgung brauchen“, betonte Cwielag. Dies sei ein „hochteures Forschungsvorhaben“, und die Technik werde auch in den kommenden Jahrzehnten nicht angewendet. In dieser Zeit werde die Energiewende mit der Nutzung erneuerbarer Energien verpasst. „Wendelstein wird die Energieprobleme nicht lösen“, betonte Cwielag.

Die Landtagsfraktionen von SPD und CDU begrüßten die Entscheidung. „In Greifswald wird Weltspitzenforschung betrieben, die helfen kann, den weltweiten Energiebedarf abseits von Kohle, Öl und Gas zu decken. Dabei ist die Kernfusion keine Konkurrenz zu den Erneuerbaren Energien, sondern eine Ergänzung“, meinte Susann Wippermann (SPD).

Schon vor Inbetriebnahme sei „Wendelstein 7-X“ zu einem Magneten für Wissenschaftler aus der ganzen Welt geworden. „Die jahrelange Arbeit hat sich, allen Unkenrufen zum Trotz, gelohnt“, sagte Egbert Liskow (CDU). Forschergeist habe über Bedenkenträgerei gesiegt. Das Max-Planck-Institut werde international noch mehr an Ansehen gewinnen.

Technologisch ist die 725 Tonnen schwere Anlage mit Tausenden Verkabelungen, Schweißnähten, Messanlagen sowie Leitungs- und Heizungssystemen hochkomplex. Sie ist auch extrem teuer. EU, Bund und mit acht Prozent auch das Land tragen die Kosten.

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