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Nachfrage nach Schilf ist enorm : Die Retter der Reetdächer

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Immer mehr Menschen decken ihre Häuser mit Schilf ein. Das kühlt im Sommer und schafft ein angenehmes Wohnklima. Wegen der großen Nachfrage wird es aus China importiert.

svz.de von
erstellt am 20.Aug.2012 | 07:28 Uhr

Wismar | Blondes Schilf leuchtet vor blauem Morgenhimmel: An der Wismarbucht deckt Meister Thorsten Ring mit drei Gesellen das Dach eines rund 250 Jahre alten niederdeutschen Hallenhauses im denkmalgeschützten Dörfchen Hoben neu ein. "Reet gehört zum Norden wie Schiefer in den Süden", sagt Ring. Die Bauherren in dem Wismarer Ortsteil, beide Ärzte, wollen nur reines Ried über ihrem Kopf. "Das kühlt im Sommer und schafft ein angenehmes Wohnklima", sagt Sönke Reimann. Gauben kämen nicht infrage. "Das Dach soll glatt und schier sein, nur die Schwalben dürfen da rein", betont Steffi Reimann.

An Nord- und Ostsee suchten die Menschen schon vor Jahrtausenden unter Schilfdächern Zuflucht. Der Naturbaustoff, den früher vor allem arme Leute nutzten, war in jüngster Zeit aber in Verruf geraten, weil es schnell verrottet. Inzwischen würden sich wieder mehr Eigenheimbesitzer auf traditionelles teures Röhricht besinnen, meint Thorsten Ring. Denn Architekten und Handwerker hätten aus Fehlern der Vergangenheit gelernt. Auch norddeutsche Wissenschaftler verhelfen mit ihren Forschungen dem Reet zu einer Renaissance, sagt Ring. Der Mecklenburger Dachdecker ist Spezialist für Bauernhäuser und kennt sich als Reetsachverständiger der Handwerkskammer mit Problemfällen aus.

Das "Gespenst" für jeden Bewohner eines Rohrdachhauses heiße "vorzeitiges Altern", sagt Marlies Händschke, Geschäftsführerin der Reetdachdeckerinnung Mecklenburg-Vorpommern. Bei guter Verarbeitung und richtiger Bauphysik könnten Schilfdächer locker 60 bis 80 Jahre alt werden. Doch aktuell würden rund vier Prozent der neueren Reetkonstruktionen in Norddeutschland bereits nach wenigen Jahren verrotten. Die Gründe seien vielfältig.

Mikrobiologie-Professor Frieder Schauer aus Greifswald hält das Gerede von einem "bösen Killerpilz", der Reetdächer frisst, für blanken Unsinn. "Das sind ganz normale Mikroorganismen, die überall vorkommen, denen aber bauliche Mängel und schlechte Rohware die Chance zum Angriff geben", sagt der Reetexperte. Schauer arbeitet seit Jahren an einem Schnelltest für Schilfhalme, der die Güte des aus aller Welt importierten Naturmaterials klären soll. "Da steckt ja keiner drin, wie stabil die Halme sind", sagt Innungschefin Händschke.

Dachdecker Thorsten Ring macht den Bauboom der 90er-Jahre und verlockende Reetdach-Förderprogramme für diverse "Krankheiten" und vorzeitigen Verlust neuer Schilfdächer mit verantwortlich. "Die Nachfrage nach Rohr überstieg das heimische Angebot, enorme Mengen Reet wurden teils unkontrolliert in Osteuropa eingekauft und vor Ort auch Schilf geerntet, was vielleicht nicht zu hundert Prozent astrein war", meint Ring. Neues Röhricht zerbröselte über den Köpfen der Hausbesitzer. Die Umsätze der Reetbranche stürzten ein.

Der Markt wachse nun leicht wieder, wenngleich für Thorsten Ring ein Wermutstropfen bleibt. "Heute holen wir Schilf aus Polen, Rumänien, Ungarn, der Ukraine, der Türkei und sogar aus China, nur so ist die enorme Nachfrage zu decken."

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