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Biogas : Dicke Luft am Dorfrand

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Zahl der Biogasanlagen in MV weiter gestiegen / Bio-Kraftwerke treiben Maisanbau hoch

svz.de von
erstellt am 29.Apr.2014 | 12:00 Uhr

Für Christian Knitter könnten es noch mehr sein: „Hinter jedem Kuhstall müsste eine Biogasanlage stehen“, meint der Biologe. Keine riesigen Energieparks wie in Güstrow oder Penkun, die ihre Energiepflanzen hunderte Kilometer anfahren lassen müssen. Kleinere Anlagen sollten es sein – zur Energiegewinnung, aber auch um mit den Reststoffen aus der Anlage die Fruchtbarkeit der Böden zu verbessern. Das sorge gleichermaßen für Öko-Energie und „senkt den Einsatz von mineralischem Dünger“, ist der Fachmann vom Innovations- und Bildungszentrum (IBZ) Hohen Luckow bei Rostock überzeugt – Kreislaufwirtschaft auf dem Bauernhof.

Doch Knitters Pläne kommen in den Dörfern immer weniger an. Mit dem Bau neuer Biogasanlagen steigt in MV der Widerstand gegen die Öko-Kraftwerke. Gerade erst haben Investoren in Zickhusen nahe Schwerin ihre Baupläne zu den Akten gelegt – Widerstand überall. Vor allem im Landkreis Ludwigslust: Wittenförden, Karenz, Hornkaten, Zarrentin, Dersenow – in Südwestmecklenburg formiert sich Protest. Stinkende Güllebomber auf Straßen und Äckern auch am Wochenende, dazu Maisfelder, so weit das Auge reicht, Umweltbelastungen: Im Umfeld der Bio-Kraftwerke bekommen die Anwohner die Auswirkungen deutlich zu spüren. In Südwestmecklenburg besonders: Mittlerweile steht im Landkreis Ludwigslust-Parchim jede dritte der landesweit 247 Biogasanlagen mit mehr als 250 Kilowatt Leistung – 82 Anlagen, so viel wie in den Landkreisen Nordwestmecklenburg (16), Vorpommern-Rügen (28) und Vorpommern-Greifswald (28) zusammen, geht aus einer gerade vorgelegten Standortanalyse des Wirtschaftsministeriums hervor. Damit hat sich in den vergangenen zwei Jahren die Zahl der nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz zu genehmigenden Biogasanlagen noch einmal erhöht – zwischen Dömitz und Brüel, Plau und Boizenburg um mindestens sechs Anlagen.

Bauern als Energiewirt: Jahrelang hat die Politik den Landwirten das alternative Energiegeschäft schmackhaft gemacht – u. a. mit Einspeisevergütung für den Ökostrom. Nach Preisturbulenzen auf dem Acker und im Stall: Die Bauern nutzten das Stromgeschäft als alternative Einnahmequelle und ließen sich neben den größeren Anlagen von den Bauordnungsämtern in MV zahlreiche Kraftwerke hinterm Kuhstall mit geringerer Leistung genehmigen. 2012 zählte das Statistische Amt insgesamt 479 Biogasanlagen – nach 22 zehn Jahre zuvor. Bislang ein lohnendes Geschäft, meint Berater Knitter.

Allerdings mit Folgen: In den vergangenen Jahren haben sich landesweit die Nitratwerte im Grundwasser erhöht, analysierte das Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie (Lung) in Güstrow – vor allem in Mecklenburg und besonders im Südwesten des Landes, hatte Lung-Chef Harald Stegmann vor einem halben Jahr festgestellt. Grund dafür sei vor allem die intensive Düngung unter anderem mit Gülle. Experten des Bundesumweltamtes erwarten sogar, dass die steigende Zahl der Biogasanlagen und der damit verbundene Maisanbau die Lage noch weiter verschärfen werde.

Belastungen im Wasser, dicke Luft in den Dörfern: So hat der massenweise Aufbau von Biogasanlagen die Schadstoffbelastung in der Luft Mecklenburg-Vorpommerns in den letzten Jahren in die Höhe treiben lassen. Der Ausstoß von Stickoxiden aus Energieerzeugungsanlagen, Heizkraftwerken und Biogasanlagen sei deutlich gestiegen, ermittelte das Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie im 2012 vorgelegten Emissionskataster für MV. Auffällig: die Region Hagenow und südlich von Schwerin.

Wie auch auf dem Maisfeld: Knapp drei Viertel der zur Biogasproduktion eingesetzten Pflanzen kommen vom Maisacker, ermittelte die Fachagentur für Nachwachsende Rohstoffe in Güstrow. Die Energiepflanze steht in ganzen Regionen nur noch in Monokultur im Feld. Selbst Agrarminister Till Backhaus (SPD) hatte bedenkliche Konzentrationen ausgemacht. 2013 verringerte sich in MV zwar die Maisanbaufläche im zweiten Jahr in Folge – um sechs Prozent auf 135 400 Hektar. Kritiker beklagen dennoch eine „Vermaisung“ der Landschaft – wie im Landkreis Ludwigslust-Parchim. Dort steht entgegen der guten fachlichen Praxis zwei, drei Jahre hintereinander auf einem Acker nur noch Mais. In einigen Regionen Deutschlands, so beklagt der Bund für Umwelt und Natur (BUND) in einer Studie, sei der Maisanteil auf mehr als 75 Prozent gewachsen. Doch in MV sei der Maisanbau längst nicht so massiv wie in Niedersachsen, meint Experte Knitter die Entwicklung in MV nur eine „gefühlte Vermaisung“. Allein durch seine zwei, drei Meter hohen Pflanzen falle der Mais eher auf als kniehohe Pflanzen. „Das macht die Anwohner ungehalten“, meint er. Doch auch Knitter sieht Änderungsbedarf: Zwar sei mit Mais am effektivsten Strom zu erzeugen. In neuen Öko-Kraftwerken müssten künftig aber verstärkt Reststoffe eingesetzt werden. Den Bauern bleibt kaum eine andere Wahl: Rund um die Biogasanlagen werden die Ackerflächen für den Anbau von Energieflächen knapp. Organische Reststoffe aus der Landwirtschaft und der Verarbeitung wie Festmist oder Reste der Raps- und Kartoffelverarbeitung: Die Anlagen müssten stärker mit Biomasse statt mit Mais befahren werden, fordert BUND-Experte Burkhard Roloff. Auch Biomasse aus der Landschaftspflege, etwa Hecken- oder Grasschnitt, sei dem humuszehrenden Maisanbau vorzuziehen. Ohnehin sei die herkömmliche Nutzung von Mais für Biogasanlagen nicht wirtschaftlich und ökologisch.

Indes ist in der Branche Ernüchterung eingekehrt: Mit der Reform des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes stoßen Landwirte an Grenzen. „Der Boom ist vorbei“, meint Berater Knitter. Vor Jahren noch sei der Bau von Biogasanlagen für Banken ein lohnendes Geschäft gewesen. Inzwischen aber halten sie ihr Geld zurück. Die Anlagenbauer stecken längst in der Krise. Einer nach dem anderen rutsche in die Pleite, weil die Finanzierung neuer Anlagen nicht gesichert sei, so Knitter: „Auf dem deutschen Markt ist kein Blumentopf mehr zu gewinnen.“

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