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Verkehrsnetz : Der Bahnschwindel

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Schnelle Straßen und Schienen in Ostdeutschland: 1991 hatte die Bundesregierung ein 40-Milliarden-Euro-Investitionsprogramm für 17 Verkehrsprojekte aufgelegt. Zwei Jahrzehnte später wird an einigen noch immer gebaut.

svz.de von
erstellt am 20.Aug.2014 | 12:00 Uhr

Heinrich Nagel hatte fest daran geglaubt: In 35 Minuten mit der Bahn von Schwerin nach Rostock – „das wirst du noch erleben, hatte uns die Deutsche Bahn intern Anfang der 90er-Jahre noch zugesagt“, erzählt der ehemalige Lokführer. Ein ambitionierter Plan, meint Nagel, der selbst früher auf der Strecke im Lokführerstand die Züge steuerte. Mit 160 Kilometern in der Stunde, durchgängig von Lübeck bis Stralsund, von Hagenow bis an den Strelasund, sollten die Züge unterwegs sein, auf elektrifizierten Strecken, zweigleisig ausgebaut, erinnert sich Nagel an die Pläne aus den 90er-Jahren, als Ex-Bundesverkehrsminister Günther Krause (CDU) zwischen Lübeck und Bad Kleinen den ersten Spatenstich setzte. Baustart für eines der wichtigsten Bauvorhaben nach der Wiedervereinigung, für das Verkehrsprojekt Deutsche Einheit Nummer 1.

Zwei Jahrzehnte später will Nagel an die Zusagen von einst nicht mehr so recht glauben. Bund und Bahn haben das Verkehrsprojekt Nummer 1 aufs Abstellgleis geschoben. Baustau auf der Schiene – große Teile der einstigen Ausbaupläne wurden zu den Akten gelegt.

Ruhe am Gleis: Das Verkehrsprojekt Nummer 1 hat sich zu einer der längsten Baustellen der Bahn in den neu en Ländern entwickelt. Für den Bund dennoch eine Erfolgsgeschichte: Erst Ende Juli hatte das Bundesverkehrsministerium den Streckenausbau zwischen Lübeck und Stralsund in der „ersten Baustufe“ für „nahezu abgeschlossen“ erklärt. Neue Stellwerke, Bahnhöfe, Gleise: Mit dem Ausbau der Streckenabschnitte Hagenow Land – Schwerin und Ribnitz-Damgarten West – Velgast – Stralsund stehe seit 1996 eine zweigleisige, elektrifizierte Verbindung von Hamburg über Schwerin bis Rostock bzw. eingleisig bis Stralsund zur Verfügung. Weitere Streckenabschnitte, u. a. Lübeck – Schönberg, Grevesmühlen – Bad Kleinen und Abzweig Warnow Brücke Ost – Rostock seien erneuert worden, heißt es in dem Bericht: „Die Fahrzeit zwischen den Städten Stralsund, Rostock, Schwerin und Hamburg konnte erheblich verkürzt werden.“

Mit schnellen Zügen: So betrage die Reisezeit zwischen Lübeck und Stralsund noch 2 Stunden und 51 Minuten, 1990 seien es drei Stunden gewesen, gibt die Bahn an. Zeitgewinn auch zwischen Schwerin und Rostock: 1991 brauchten die Schnellzüge noch 70 Minuten für die Strecke, inzwischen noch 55 Minuten. Das Ausbauziel sei „nahezu erreicht“, so die Bahn.

Für Lokführer Nagel noch lange nicht: 42 Jahre arbeitete der Schweriner bei der Bahn, bis Mitte der 90er-Jahre. Doch das, was er Ende Juli in unserer Zeitung über den Baustand der Verkehrsprojekte lesen musste, macht ihn ungehalten. „Der Ausbau der Bahnstrecke Lübeck-Rostock-Stralsund ist weitestgehend abgeschlossen“, wurde aus dem Bundesbericht zitiert. Gemessen an dem Ausbaustand „macht das ärgerlich“, meint Nagel. Zwar sei jede Menge investiert worden, sagt der 80-Jährige. Aber etwas mehr als zehn Minuten Fahrzeitersparnis zwischen Lübeck und Stralsund oder Schwerin und Rostock nach zwei Jahrzehnten Verkehrsprojekt Nummer 1: „Das ist unbefriedigend, das ist gar nichts“, urteilt Lokführer Nagel. Kritik auch beim Fahrgastverband Pro Bahn: Von einer Fertigstellung der Strecke könne „keine Rede sein“, meint Landeschef Marcel Drews: „Von den ursprünglichen Planungen sind wir weit entfernt.“

Baulücken überall: Nach Nagels Rechnung müssen noch auf einem Drittel der 250 Kilometer langen Strecken zwischen Lübeck/Hagenow und Stralsund auf einem Drittel die Bagger anrollen. Selbst das Bundesverkehrsministerium muss deutliche Mängel eingestehen: So gesteht Berlin noch im Verkehrsinvestitionsbericht 2009, dass von den veranschlagten Baukosten von 1,072 Milliarden nur 580 Millionen Euro investiert worden seien. Seitdem kamen noch zwei Millionen Euro Investitionen hinzu. Stattdessen wurden kurzerhand die veranschlagten Baukosten um 211 auf 861 Millionen Euro zusammengestrichen. Der Grund: Kein Bedarf für einen zweigleisigen Ausbau des Streckenabschnitts Rostock - Stralsund.

Kein Wunder: Bund und Bahn sind von den einstigen Investitionsplänen längst abgerückt. Derzeit sei kein Weiterbau geplant, kritisiert das Schweriner Verkehrsministerium – „da keine Projektmittel zur Verfügung stehen“, erklärte eine Sprecherin. Nagel wundert nichts mehr: Bei einem bayrischen Bundesverkehrsminister, was solle man da erwarten: Zwei Jahrzehnte nach dem Baustart werde dass Verkehrsprojekt Nummer 1 „nur noch am Rande“ behandelt. Das Land gibt sich mit den Bundesplänen nicht zufrieden und sieht Ausbaubedarf – neue Sicherungstechnik, Sanierung des Oberbaus, zweigleisiger Ausbau zwischen Schönberg und Grevesmühlen, Carlshöhe und Bad Kleinen, Schwaan und Rostock, Rostock und Ribnitz-Damgarten, Velgast und Stralsund. 86 der 250 Kilometer langen Strecke müssten noch ausgebaut werden, hat Nagel ausgerechnet. Für Fahrzeitverkürzungen müssten zwischen Rostock und Stralsund weitere zweigleisige Abschnitte gebaut werden, fordert Pro-Bahn-Chef Drews.

Und so seien sämtliche noch nicht fertiggestellte Abschnitte erneut beim Bundesverkehrsministerium angemeldet worden, heißt es in Schwerin. „Mit den Verkehrsprojekten Deutsche Einheit sollen Ost- und Westdeutschland besser verbunden werden“, drängt Verkehrsstaatssekretärin Ina-Maria Ulbrich: „Die Projekte leisten einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der Wirtschaft und des Tourismus. Auch durch die Fertigstellung des gesamten VDE 1-Projektes erwarten wir weiteres Wachstum.“

 

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