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Energiequelle : Dallas in Vorpommern

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Schwarzes Gold im Gestein von Vorpommern: Die Region schwimmt auf Öl, haben Experten erkundet. Doch bis das erste Öl sprudeln kann, werden noch Jahre vergehen. Kritiker warnen vor Umweltschäden.

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erstellt am 17.Jan.2014 | 12:00 Uhr

Anstich im Ölfeld: Barth, nahe Stralsund, bei Grimmen, Ribnitz, Anklam, aber auch in der Ostsee östlich vor Rügen und vor der Halbinsel Fischland-Darß  –  Teile Vorpommerns schwimmen auf Öl.  Allein in Barth könnten es  mehr als 1400 Millionen Barrel sein, vermuten Förderfirmen. Dallas in Vorpommern – ein Milliardengeschäft für den strukturarmen Landstrich, zunächst aber ein langwieriges.

Denn ehe vor dem Saaler Bodden das Öl sprudeln kann und mit Lastzügen zum Ölhafen nach Rostock gefahren wird, vergehen noch Jahre. Dennoch wird es in Saal nahe Barth langsam ernst: Bis in 2700 Meter Tiefe hat die deutsch-kanadische Erdölfirma Central European Petroleum (CEP) eine Bohrung in die Erde getrieben – und ist fündig geworden.  Für das erste Halbjahr hat die CEP beim Bergamt in Stralsund eine Testförderung beantragt: für drei Monate. Zwei Wochen lang will das Unternehmen dann das schwarze Gold aus der Tiefe holen. Danach soll die 2011 eingerichtete Bohrstelle wieder verschlossen werden. Weitere Daten über den Umfang der Lagerstätte wolle man so gewinnen, erklärte CEP-Sprecher Jens Müller gestern. So könne man aus dem Druckaufbau auf die Größe der Lagerstätte schließen. Schätzungen von CEP zufolge lagern in dem 160 Quadratkilometer großen Areal westlich von Barth rund 250 Millionen Barrel Erdöl. Von denen könnten rund 40 Millionen Barrel – umgerechnet rund 5 Millionen Tonnen – förderbar sein. Ein Barrel entspricht 159 Litern.  Dabei soll das Öl konventionell aus dem Gestein geholt werden. Kein Fracking – das sei weder geplant noch genehmigungsfähig, meinte CEP-Chef Thomas Schröter.

Bohrung in ökologisch sensiblen Gebieten

Doch auch ohne die umstrittene Fördermethode, bei der ein Gemisch aus Sand, Chemikalien und Wasser in den Untergrund gepresst wird, um das Gestein aufzubrechen, regt sich Widerstand am Bodden.  Bedenken bei den Grünen: Nach heutigem Stand stehe seine Partei dem Projekt kritisch bis skeptisch gegenüber, meinte Fraktionschef Jürgen Suhr gestern bei einem gemeinsamen Vor-Ort-Termin der Landtagsabgeordneten des Wirtschafts- und Energieausschusses des Landtages am Bohrloch.  Das Projekt befinde sich in einem sehr frühen Stadium. Fragen etwa nach der ökologischen Verträglichkeit würden frühestens 2016 auf der Tagesordnung stehen. Bei dem Treffen der Ausschüsse in Saal habe sich angedeutet, wo die Knackpunkte liegen, sagte der Grünen-Politiker. Wenn künftig Öl gefördert wird, werde dies an mehreren Bohrstellen passieren, die dann  möglicherweise ökologisch sensible Gebiete betreffen könnten. Denn die Horizontalbohrungen würden beispielsweise unterhalb großer Wasserflächen liegen oder auch unter dem Gebiet des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft. Bei dem Genehmigungsverfahren müssten auch mögliche Gefährdungen des Grundwassers geklärt werden.

 Bürgerinformation am Bohrloch

Das löst auch Unruhe unter Bürgern und Einwohnern aus: gestern umso mehr. Es sei nicht akzeptabel, „dass sich die Koalitionsfraktionen gegen eine öffentliche Sitzung ausgesprochen haben, obwohl zum Bohrloch ‚Barth 11‘  viele Bürgerinnen und Bürger gekommen waren, die ihre kritische Haltung zur Erdölgewinnung zum Ausdruck bringen wollten“, kritisierte Linken-Fraktionschef Helmut Holter gestern. Das zeuge weder „von Souveränität noch von Bürgernähe“, sagte Grünen-Fraktionschef Suhr und forderte mehr Offenheit: Bei dem  Treffen der beiden Ausschüsse habe es nichts Problematisches oder Geheimes gegeben, was den Ausschluss der etwa 25 interessierten Bürger gerechtfertigt hätte.

Die Kritik lässt CEP nicht gelten: Die Ölförderer werben längst vor Ort bei Kommunalpolitikern und in den betroffenen Gemeinden um Akzeptanz. Fast 100 Informationsveranstaltungen seien in der Region durchgeführt worden, erklärte CEP-Sprecher Müller. Etwa 2000 Besucher hätten sich dabei über das Vorhaben informiert, ebenso wie bei 238 Führungen an der Bohrplattform: „Alle, die Interesse haben, können sich informieren“, meinte Müller.

Die Kritik bleibt:  Bislang hat Central European Petroleum vier Probebohrungen gesetzt – drei in Mecklenburg-Vorpommern in Saal, Lütow und  Pudagla sowie eine in Brandenburg in Lübben. Bei allen vier Bohrungen waren die Geologen auf Öl gestoßen. Auch in anderen Gebieten vermuten die Experten noch Öl. Zumindest die Förderpläne  im Erkundungsgebiet vor der Ostseeküste sehen Umweltschützer aber problematisch. Ölförderung vor der Küste sei naturschutzfachlich undenkbar, hatte Corinna Cwielag, Landeschefin des Bundes für Umwelt und Natur (BUND), kürzlich abgelehnt: „Die Landesregierung sollte sich rechtzeitig vom Traum des Öl-Booms verabscheiden.“

Rot-Schwarz hält vorerst daran fest: SPD-Fraktionschef Norbert Nieszery sieht in den Lagerstätten denn auch „ein hohes wirtschaftliches und damit auch finanzielles Potenzial für unser Land.“ Das Geld lockt: Allein das Saaler Ölfeld könnte der Landeskasse Millionen einbringen:  Bei nur 15-prozentiger Förderung  rechnet CEP für das Land mit einem Wirtschaftsimpuls von über 2,25 Milliarden Euro in den  nächsten 25 Jahren, Steuereinnahmen für die betroffenen Gemeinden und   Einnahmen für die Landeskasse – aus der zehnprozentigen Förderabgabe.

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